Porträt König der Romantik

Sein Werk inspirierte eine deutsche Literaturepoche – seine Wohnung in Dresden wurde zum Salon Europas. Vor 150 Jahren starb Ludwig Tieck in Berlin. Ein Porträt

er Zwinger, die Gemäldegalerie, die Brühlsche Terrasse, das Grüne Gewölbe … Dresdens Pracht und Herrlichkeit lockten seit je Besucher aus ganz Europa an. Doch manchen Reisenden der Biedermeierzeit zog noch eine weitere Attraktion in die Elbestadt. Schon gleich im Hotel pflegte er sich danach zu erkundigen, wann denn der Hofrat Tieck wohl seinen nächsten Leseabend halten würde.

Diese Soireen waren eigentlich nicht öffentlich, sondern fanden in der Wohnung des berühmten Mannes statt, in einem Haus am Altmarkt. Der Dichter las die Dramen der Weltliteratur von Sophokles bis Schiller, am liebsten die Stücke des von ihm verehrten Shakespeare, Romeo und Julia oder den Sommernachtstraum. Die Zuhörer, Zuschauer waren begeistert von Tiecks Ein-Mann-Bühne. „Das beste Theater in Deutschland ist jetzt in Ihrem Zimmer, an Ihrem runden Tische, bei 2 Lichtern, das dritte ist noch zuviel“, schrieb ihm der Schauspieler Pius Alexander Wolff. Franz Grillparzer konnte nach Tiecks Kaufmann von Venedig keinen Schlaf finden. „Der kleine Kerl mit seiner Vorlesung hatte mich ganz wirblicht gemacht.“ Und Johann Peter Eckermann hörte von ihm Goethes Clavigo wie „vom Theater herunter, allein besser“.

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Um Ludwig Tieck, den „König der Romantik“, drehte sich am Dresdner Altmarkt das Karussell einer Epoche. Der Historiker und Schriftsteller Thomas Carlyle aus Edinburgh war dabei, Fürst Wassilij Andrejewitsch Schukowskij aus Sankt Petersburg, Hans Christian Andersen aus Kopenhagen, James Fenimore Cooper, der Dichter des Lederstrumpf, aus dem fernen Amerika, Jean Paul aus Bayreuth, Hegel aus Berlin sowie, aus der Dresdner Nachbarschaft, der Maler-Arzt Carl Gustav Carus und der Hofkapellmeister Carl Maria von Weber.

Tieck ermutigte die jungen deutschen Dichter, die Hauff, Grabbe und Wilhelm Müller. Die Dresdner Pseudoromantiker und Wasserpoeten vom Schlage eines Friedrich Kind – er schrieb das Libretto zu Webers Freischütz – und Theodor Hell nahten mit tiefen Kratzfüßen, mussten es sich aber dann gefallen lassen, von Tieck in der Märchengroteske Die Vogelscheuche lächerlich gemacht zu werden.

Dabei war der gepriesene Hausherr selber alles andere als eine apollinische Persönlichkeit. Er litt unter der Gicht und, seit frühen Tagen, unter einem schwankenden Selbstbewusstsein, das von den Unwägbarkeiten des Literaturmarktes, der „unbekannten Gottheit“, herrührte. „Er sieht wenig wie ein Dichter aus.“ So mitleidlos hatte er selber einst einen verschüchterten Autor in seiner absurden Märchenkomödie Der gestiefelte Kater charakterisiert und damit wohl auch das eigene stets gefährdete Erscheinungsbild beschrieben.

Die Welt der Wörter war dem 1773 geborenen Spross eines Berliner Seilermeisters von Anfang an zum Schicksal geworden. Bereits im Alter von vier Jahren will er sie sich aus der Bibel und aus Goethes Götz zusammengesucht haben. Das Erzähltalent des Gymnasiasten wurde von zwei fabulierenden Lehrern entdeckt, die seine gewandte Feder für ihre anonym veröffentlichten Trivialromane in Dienst nahmen. Der junge Enthusiast stieß hier auf eine ganz neue Welt von Wundern, Bizarrerien, Schrecken, Seligkeiten und Geheimnissen. Er lernte aber auch, nach seinem eigenen Geständnis, „wie man Lichter und Schatten ausspart und wie manches nur leicht angedeutet werden muß, um die beabsichtigte Wirkung hervorzubringen“.

Ansonsten blieb ihm nur die Theologie, wenn er der väterlichen Kleinwelt entgehen wollte. Er trat dieses Studium in Halle an und setzte es in Erlangen fort, jedoch fest entschlossen, das fade Dasein eines königlich preußischen Pfarramtskandidaten auf gar keinen Fall zu seiner Sache zu machen.

Zusammen mit seinem Jugendfreund, dem Berliner Beamtensohn Wilhelm Heinrich Wackenroder, mit dem er schon in Berlin den poetischen Ästhetikvorlesungen Karl Philipp Moritz’ gelauscht hatte, durchschwärmte der junge Mann das Frankenland und das Fichtelgebirge. Unterwegs sahen die beiden Wanderer die Trecks verarmter Bauern vorüberziehen, während sie gleichzeitig die lang vergessenen Zeugnisse einer großen Geschichte entdeckten: In Nürnberg die Kunst der Sachs- und Dürer-Zeit, in Bamberg das „deutsche Rom“ Kaiser Heinrichs II. und die Gotik des Veit Stoß, im Schloss Pommersfelden das Barock der Fürstbischöfe von Schönborn. Es waren Entdeckungen, die in der deutschen Literatur Epoche machen sollten.

Die Landschaft entfaltete neuen Zauber, ganz Spiegelbild der menschlichen Seele, wenn Tieck etwa in einer fränkischen Dorfscheune die „schwebenden Töne eines Waldhorns“ durch die Sternennacht zu sich herüberdringen hörte. Aus dem Dreiklang von Kunst, Geschichte und Landschaft begann sich der Geist der Romantik zu entfalten.

Von da an musste das ohnehin nur widerwillig angetretene theologische Brotstudium endgültig der Literatur weichen, die der noch nicht einmal 25-Jährige zum alleinigen Lebensberuf erhob. Tieck, nunmehr „freier“ Autor, ergriff die Chance dort, wo sie ihm geboten wurde. Für den Berliner Verleger und Erzaufklärer Friedrich Nicolai verfertigte der Debütant kurzweilige Novellen, die unter dem Titel Straußfedern honette Leserinnen und Leser davon zu überzeugen hatten, dass sie in der besten aller Welten lebten. Als er in die mehrbändige Sammlung immer öfter provokanten Witz sowie die nicht ganz geheure Sphäre des Wunderbaren und Doppelbödigen einzuschmuggeln suchte, kam es zum Bruch mit dem Prinzipal Nicolai.

einahe über Nacht wurde der selbstbewusste Poet Held der Salons, der mit der einen Hand, wenn auch unter ständigem Grimassenschneiden, den Leuchter der Berliner Rationalisten präsentierte und mit der anderen bereits die Laterna magica der Romantiker aufstellte. Aus der reichen Produktion der wenigen Jahre von 1797 bis 1800 ragen die Bühnen-Groteske Der gestiefelte Kater, die Märchenparabel Der blonde Eckber t heraus. Und natürlich der unvollendet gebliebene Künstlerroman Franz Sternbalds Wanderungen , der zum Credo von zwei Malergenerationen wurde, besonders der Romfahrer unter ihnen.

Doch die Schriftstellerei macht nur eine Facette von Tiecks unmittelbaren Wirkungen aus. Mit dem Gespür des Wünschelrutengängers und dem Wandlungsvermögen des genialen Schauspielkünstlers weckte und entdeckte er die erstaunlichsten Talente. Tiecks sprichwörtliche „dialogische Natur“ bewährte sich zuerst an Wackenroder, dem früh verstorbenen Jugendfreund, dann an Novalis und den anderen romantischen Generationsgefährten, und noch Jahrzehnte später sind so gegensätzliche Temperamente wie Karl Leberecht Immermann und Christian Dietrich Grabbe durch ihn zu produktiver Selbsterkenntnis gebracht worden.

Er wurde zum Vermittler zwischen versunkenen Epochen und dem modernen Publikum. Die Sammlung Minnelieder aus dem schwäbischen Zeitalter war der Auftakt. Auch seine Kunst des Übersetzens war Ausdruck dieses rastlosen Mittlertums, etwa die Übertragung des Don Quijote, in der noch Thomas Mann „unsere Sprache auf ihrer glücklichsten Stufe“ sah.

o war es kein Wunder, dass ihn die Brüder Schlegel, die Dioskuren der romantischen Kritik, zum „König der Romantik“ ausriefen. Der hohen Würde entsprach Tieck, ein im Grunde konzilianter Mann ganz ohne Herrscher-Allüren, allein schon äußerlich überhaupt nicht. Bereits den Mittzwanziger begann die Gicht zu plagen, die ihn unter quälenden Schmerzen bis ans Ende seiner Tage zu einer gebeugten, immer mehr zusammenschnurrenden Haltung zwang. Doch das alles hinderte ihn nicht an weiten Reisen, die ihn nach Rom und Paris, sowie, auf den Spuren Shakespeares, nach London und Stratford führten. Auch sein oft gerügter Hang zum Luxusleben, finanziert von hochmögenden Gönnern, litt kaum unter den körperlichen Gebrechen. „Wie ein blinder Passagier / Fahr ich auf des Lebens Posten, / Einer Freundschaft ohne Kosten / Rühmt sich keiner je mit mir.“ Dieser Vers der maliziösen Caroline Schlegel-Schelling war auf ihn gemünzt, das berüchtigte Pumpgenie.

Die Literatur, das Geld – die Frauen: Der Dichter, längst verheiratet und Vater der kleinen Dorothea, aus der später eine tüchtige Übersetzerin wurde, knüpfte, etwa seit 1803, ein intimes Verhältnis zu Henriette von Finckenstein an, einer märkischen Grafentochter, die fortan seine Vertraute und wichtigste Mäzenin blieb. Bürgerlich ist der Liebesbund nie legitimiert worden, aber er ging gewissermaßen in Tiecks Familienleben auf.

Des Dichters Frau Amalie wusste sich auf ihre Weise zu trösten. Als ihr Mann im Herbst 1806 nach über einjähriger Abwesenheit aus Rom zurückkehrte, überraschte sie ihn mit der kleinen Agnes, deren Vater vermutlich Tiecks Freund Wilhelm von Burgsdorff gewesen ist. Der König der Romantik erkannte, in der ihm eigenen Mischung aus Großzügigkeit und Indifferenz, das Kind als das seine an.

Von 1812 bis 1816 erschien der Phantasus, eine dreibändige Sammlung von alten und neuen Dichtungen Tiecks, eingefügt in beschwingte Rahmengespräche, etwa nach dem Muster von Boccaccios Decamerone. Auf dem Scheitelpunkt seiner poetischen Laufbahn hält Tieck Rückschau auf das bisher Geleistete und setzt es zugleich in ein Spannungsverhältnis zu neuen Texten. Der Phantasus wird zum Modell für ähnliche Versuche anderer Autoren, so für E.T.A. Hoffmanns Serapionsbrüder. Das bis dahin entstandene Werk, das alle poetischen Gattungen sowie Essays und literarhistorische Abhandlungen umfasste, hatte bereits damals eine so stattliche Dimension erreicht, dass eine in Wien erschienene unberechtigte Ausgabe von Tiecks Sämtlichen Werken auf nicht weniger als 30Bände gedieh.

Solche Raubdrucke brachten keinen einzigen Taler ein, aber auch sonst hätte Tiecks Honorar nur einen vergleichsweise bescheidenen Lebenswandel zugelassen, wenn eben nicht die Schatulle der Gräfin Henriette gewesen wäre. Ihr war es zu danken, dass der Meister einem respektablen Hauswesen vorstehen konnte, als er sich, zusammen mit den Seinen, im Sommer 1819 am Dresdner Altmarkt niederließ.

Die Wohnung wurde für mehr als zwei Jahrzehnte ein geistiges Zentrum, das die Zeitgenossen mit Goethes Weimarer Residenz verglichen. Tieck, der umlagerte Poet und Theatrarch, ließ Dresden, das sonst eher eine Stadt der Maler und Musiker war, zu dem werden, was es weder vorher gewesen ist noch nachher je wieder sein sollte: zu einem Ort der Weltliteratur.

Im Zeichen der Novelle, für die er eine regelrechte Theorie ersann, stand das Alterswerk des Dichters. Es war eine Prosa, in der die mondbeglänzte Zaubernacht der Romantik sanft verblasste und der bürgerlich-biedermeierliche Alltag des 19. Jahrhunderts erwachte. Es entstanden noch Bravourstücke wie das heitere Capriccio Des Lebens Überfluß und der historische Frauenroman Vittoria Accorombona . Ebenso wichtig, wenn nicht gar noch folgenreicher waren seine Editionen von Kleists hinterlassenen Dichtungen und der Werke des damals schon nahezu vergessenen Stürmers und Drängers Jakob Michael Reinhold Lenz. Schließlich wurde unter Tiecks Dirigat die monumentale Shakespeare-Übersetzung abgeschlossen, die der Freund August Wilhelm Schlegel einst unvollendet liegen gelassen hatte.

Tieck, früher ein Verächter der Hofräte, rückte nun selber zum königlich sächsischen Hofrat auf, wenn auch nur zu einem vierter Klasse. Als Dramaturg des Hoftheaters setzte er Kleists Prinz Friedrich von Homburg und die Dresdner Erstaufführung des Faust I durch; im Parterre saß der junge Frédéric Chopin. Es waren noch einmal Triumphe für Tieck, den letzten Repräsentanten der großen „Kunstperiode“. Auf deren seit Goethes Tod verwaistem Thron, der freilich schon ein wenig morsch geworden war, suchten ihn denn auch einige Bewunderer zu platzieren.

Nur seinetwegen kam der französische Bildhauer David d’Angers nach Dresden, um die Kolossalbüste des Gefeierten zu modellieren. Der Maler Carl Christian Vogel von Vogelstein hielt die Szene fest: Tieck, majestätisch thronend auf einem Stuhl, vom Licht umflossen und umgeben von Trabanten, vor ihm das zu Gips geronnene Abbild seines Jupiter-Hauptes. All das gehörte mit zu einer etwas wunderlichen Verklärung, die Heinrich Heine zu spöttischen Versen provozierte: „In Dresden sah ich einen Hund, / Der einst gehört zu den bessern, / Doch fallen ihm jetzt die Zähne aus, / Er kann nur bellen und wässern.“

Dergleichen freche, aber auch ungerechte Sottisen holten den Dichter ein, als er 1842 – seine Frau und seine Lieblingstochter Dorothea waren bereits gestorben – die einzigartige Dresdner Stellung aufgab und einem Ruf König Friedrich Wilhelms IV. nach Berlin folgte. Der Monarch versorgte ihn zwar mit einer wahrhaft königlichen Pension, mit einem Sekretär und einem Diener sowie mit einer Stadtwohnung in der Friedrichstraße und einem Sommersitz im Park von Sanssouci, aber Tieck kam über ein paar Gelegenheitsarbeiten nicht mehr hinaus.

Der Charme seiner „dialogischen Natur“ und die Imaginationskraft seiner Deklamationskunst begannen zu verblassen. Die Attacken der Gicht nahmen zu, auch wuchsen die Schatten der Einsamkeit, nachdem die erblindete Freundin Henriette gestorben war. Man kam nun zu ihm, um die Zelebrität eines verschollenen Zeitalters zu besichtigen. Als er dem 38-jährigen Friedrich Hebbel die Hand entgegenstrecke, war es dem Besucher, wie wenn „zwei Jahrhunderte sich begrüßten“.

m 28. April 1853 starb Ludwig Tieck, einen Monat vor seinem 80. Geburtstag. Die Beerdigung auf dem Friedhof der Dreifaltigkeits-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg rief die wenigen noch lebenden Veteranen der Romantik zum letzten Appell. Friedrich Hebbel sah in seinem berühmten Nachruf auch imaginäre Gestalten hinter dem Sarge ziehen: die längst verblichenen Avantgardisten der romantischen Bewegung von Novalis bis Hoffmann – und des toten Dichters eigene poetische Geschöpfe, den blonden Eckbert und den gestiefelten Kater…

Nach der imposanten Grablegung schritt Agnes, die nunmehr einzige Überlebende des Tieck-Clans, zu einer verhängnisvollen Tat. Sie warf die wichtigsten Lebensdokumente ihres vermeintlichen Vaters ins Feuer, darunter fast seinen gesamten Briefwechsel mit Henriette von Finckenstein. Was aus familiärer Pietät verständlich sein mochte, wurde zum unersetzlichen Verlust für alle späteren Biografen.

Einen würdigen Platz im Pantheon der deutschen Dichter hat der König der Romantik, bei aller Verehrung, allerdings nie so recht gefunden. Eine vollständige Ausgabe seiner Werke kam nicht zustande; die vor knapp zwanzig Jahren mit erheblichem Aufwand von Suhrkamps Deutschem Klassiker Verlag begonnene Edition wurde sistiert und hat zurzeit kaum Aussichten auf ihre Vollendung. Aber – war das Unvollendete nicht immer das Zeichen aller Romantik und wahrer Poesie?

Der Autor ist Kulturhistoriker und lebt in Zittau

 
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