Die drei Minuten vom Empfangstresen im Parterre bis zu seinem Büro im sechsten Stock des UN-Hochhauses in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba genügen Wagdi Othman, um alles Wichtige zur aktuellen Ernährungslage des Landes zu sagen: Ausbleibender Regen führe bei den Bauern im Hochland zu Dürre und Missernten, bei den Nomaden im Flachland zu hohen Verlusten unter den Viehbeständen. "Wenn wir nichts tun, werden in diesem Jahr Millionen Äthiopier verhungern." Der 42-jährige Othman ist der Sprecher des UN-Welternährungsprogramms (WFP), des größten und wichtigsten Nahrungsmittelverteilers in Äthiopien. Und damit man die Dramatik auch ja richtig einschätzt, fügt er hinzu: "Wir stehen vor einer noch größeren Hungerkatastrophe als 1984."

Die Bilder aus Äthiopien gingen damals um die Welt und sind vielen Menschen im Gedächtnis geblieben: weit aufgerissene Kinderaugen in riesig wirkenden Kinderschädeln; apathisch wirkende junge Mütter mit dürren Babys auf den Armen; Auffanglager voll hungernder Menschen, die in entlegenen Dörfern aufgebrochen sind, um einem Gerücht zu folgen, das irgendwo Essen verhieß.

In Stapeln aufgeschichtet, liegen 64 Seiten starke Hochglanzmappen griffbereit neben Othmans Schreibtisch. In düsteren Farben prognostizieren sie anhand von Schaubildern, Zahlenkolonnen und Tabellen eine "Hungerkatastrophe Äthiopien 2003", die alle bisherigen Desaster übertreffe – auch die Hungersnot von 1984. Damals, schreibt das WFP, starben eine Million Menschen. Heute seien fast alle Regionen des Landes von gigantischen Ernteeinbußen betroffen. Allein in den Regionen Amhara, Oromiya und Somali seien über neun Millionen Menschen von der akuten Hungersnot bedroht. Auf die Ziffer genau listet das Pressematerial auf, dass Äthiopien in diesem Jahr 1 441 142 Tonnen Nahrungsmittel und 75 109 559 Dollar an Nothilfe benötigt, um das Überleben eines Fünftels der Gesamtbevölkerung zu sichern.

Kräftige Rinder und Kamele an gut gefüllten Wasserstellen

Täglich empfängt der ehemalige BBC-Korrespondent Othman in seinem klimatisierten Büro derzeit Journalisten aus aller Welt, auf dass sie die alarmierenden Zahlen hinaustragen. Nur durch ihre Berichte kommt die internationale Hilfsmaschinerie richtig in Gang. Von den Medien hängt es mit ab, wie viele Millionen Dollar in den kommenden Monaten nach Äthiopien fließen werden. Die USA, Großbritannien und die Niederlande hätten angesichts der Prognosen bereits umfangreiche Hilfen zugesichert, sagt Othman. Deutschland halte sich bedauerlicherweise noch zurück.

Nach zweitägiger, 600 Kilometer langer Fahrt mit Tempo 25 über nicht enden wollende Straßen und Pisten fällt das zerklüftete äthiopische Hochland abrupt in die weite Ebene der somalischen Halbwüste. Mit der Talfahrt steigen die Temperaturen. Die Berge bleiben als monumentale Silhouette zurück. Der klapprige Bus biegt auf den holprigen Platz von Jigjiga ein, der Hauptstadt des somalischen Teils Äthiopiens, der im Volksmund seit der Kolonialzeit Ogaden genannt wird.

Jigjiga ist ein Nest: einige pompöse Verwaltungsgebäude, ein geschäftiger Markt, schäbige Hotels und Bars, eine Militärstation – alles zusammengekittet von zahllosen Lehmhäusern mit Wellblechdächern. Christen und Muslime haben die Stadt untereinander aufgeteilt. Links der Hauptstraße wohnen die einen, rechts die anderen. Durch die Straßen fahren Militärjeeps und quietschende Garis, die landesüblichen Pferdekarren. Mittags können die Temperaturen hier bis auf über 40 Grad Celsius steigen. Am Stadtrand haben seit zehn Jahren ein paar tausend Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem benachbarten Somalia in einer Zeltstadt Zuflucht gefunden. Zur Grenze sind es nur zwei Autostunden. Der Schmuggel mit dem nahen Somalia blüht. Daran ändern auch die nach dem 11. September eingerichteten Militärposten nichts, die an der Straße in Richtung Somalia jedes Fahrzeug kontrollieren. Zehntausende Soldaten sandte die äthiopische Regierung, Busenfreund der USA, in den letzten Monaten in den Ogaden, um die 1500 Kilometer lange Grenze zu kontrollieren und unter dem Vorwand des "Kampfes gegen den Terror" Militäraktionen auf dem Territorium des alten Erzfeindes Somalia durchzuführen.