Man stelle sich vor, alle Europäer und die Krieg führenden Amerikaner wären sich einig, die Vereinten Nationen gäben ihren Segen, die einheimischen Eliten, ein Teil davon aus dem Exil zurückgekehrt, übernähmen rasch Verantwortung und das Geld für den Wiederaufbau flösse schnell und reichlich. Goldene Zeiten für den Irak?

Die Rede ist von Afghanistan. Fast schon vergessen ist das geschundene Land, kaum anderthalb Jahre nach dem Sieg über die Taliban. Der Irak-Krieg hatte noch nicht begonnen, da warnte der Brite Chris Patten, EU-Kommissar für Außenpolitik: Die internationale Gemeinschaft müsse in Afghanistan einen langen Atem beweisen – "egal, was in diesem Jahr sonst noch an Ereignissen auf uns zukommt".

Wie gut versteht sich der Westen auf den Aufbau einer Nation und ihre Demokratisierung? Wie viel Geld fließt tatsächlich? Zwei Konflikte der jüngeren Geschichte – Afghanistan und der Balkan – zeigen, wie ernst es die Staatengemeinschaft mit ihren Versprechen an die vom Krieg gebeutelten Völker meint.

Rund 1,8 Milliarden Dollar Aufbauhilfe war Afghanistan allein für das Jahr 2002 versprochen worden. Die Europäische Union gab 830 Millionen Euro, fast 530 Millionen Dollar kamen von den Vereinigten Staaten. Bis zum Jahr 2006 sollen weitere 4,5 Milliarden Dollar ins Land fließen, für Schulen und Straßen, die Beseitigung von Landminen und die Bekämpfung des Opiumanbaus. Das ist beileibe nicht ausreichend, weil der Bedarf mindestens auf das Vier- bis Fünffache geschätzt wird. "Ein armseliger Betrag", klagte vor einem Jahr der damalige EU-Beauftragte Klaus-Peter Klaiber.

Zehntausend Soldaten der Isaf sollen Afghanistan sichern und den Wiederaufbau schützen. Doch bislang herrscht kein Gefühl von Sicherheit, selbst in Kabul wurde unlängst das Hauptquartier der Isaf beschossen. Fernab der Hauptstadt herrschen die Warlords. Die provisorische Regierung um Hamid Karsai soll bis zum Sommer 2004 Wahlen organisieren, doch die Zweifel wachsen, ob das überhaupt zu schaffen ist.

Was als Modell für den Irak dienen soll, zeigt trotz erster Erfolge wenig Glanz. Bei einem Vergleich der Länder darf man einen gewichtigen Unterschied aber nicht übersehen: Afghanistan gehört nach Sowjetbesatzung und Dauerkrieg in die Kategorie der zerfallenen Staaten. Im Irak hingegen hielt die Diktatur das Land zumindest zusammen.

Und die Lehren vom Balkan?

Im ehemaligen Jugoslawien trennte man von Anfang an die Militär- von der Zivilverwaltung. "Doch das hat nicht funktioniert", warnt der Balkan-Experte Wim van Meurs vom Münchner Zentrum für angewandte Politikforschung. Angesichts einer ausgeprägten Wirtschafts- und sonstiger Kriminalität hätte es eher eine reine Militärverwaltung gebraucht. Der Brite Paddy Ashdown, der derzeit in Bosnien die Demokratisierung überwacht, meint selbstkritisch: "Wir hielten die Demokratie, gemessen an der Anzahl von Wahlen, für die oberste Priorität. Rückblickend hätten wir zuerst Recht und Ordnung, die rule of law, etablieren sollen, denn alles andere hängt davon ab."