Auktion

Ein Fuchsbau voller Waffeleisen

In Paris kam der Nachlass des Surrealisten André Breton unter den Hammer

Wo zehn Tage lang die nachgelassene Habe André Bretons – nicht weniger als 6000 Objekte – versteigert wurde, war der Papst des Surrealismus früher fast täglich ein- und ausgegangen. Bis zu seinem Tod 1966 liebte es Breton, im Pariser Auktionshaus Drouot zu stöbern. Er kaufte und verkaufte Kunst und Kurioses, und er finanzierte damit sein Leben im Alter. Die erworbenen Schätze stapelte und verschachtelte er in seinem winzigen Appartement am Montmartre. Die Trophäen wuchsen bis unter die hohen Decken. Es entstand eine Wunderkammer sondergleichen.

Zu Bretons Zeit war das Drouot noch kein metall- und glasverkleideter Zweckbau, Fremdkörper im alten Pariser Viertel, mit zahllosen Antiquitätenläden und überglasten Passagen aus dem 19. Jahrhundert. Das Drouot ist heute ein Umschlagplatz von Waren aller Art. Auktionatoren können sich heute einmieten. Die dunkelrot ausgeschlagenen Säle sind heruntergekommen, in den Keller und den ersten Stock fährt man – nach strenger Taschenkontrolle – über Rolltreppen.

„Hier sind Trüffel auszugraben“

Ziemlich stillos wurde hier die Revolution des Geistes abgewickelt, wie der amerikanische Autor Mark Polizzotti seine 1000-seitige Biografie über den Chefdenker einer der richtungsweisendsten geistig-künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts betitelte. Zu Lebzeiten war André Breton, der die Surrealistischen Manifeste schrieb oder auch Der Surrealismus und die Malerei (1928), in dauernder Geldnot. Heute wird sein hinterlassenes Besitztum auf etwa 30 Millionen Euro geschätzt. Proteste gegen den Ausverkauf meldeten sich spät, und kein prominenter Kritiker der Auktion, wie beispielsweise der Philosoph Jacques Derrida, ließ sich am ersten Tag der Versteigerung blicken. Derrida hatte zusammen mit 3000 französischen Geistesgrößen die Petition gegen die Auflösung des persönlichen Universums von Breton unterschrieben.

„Vier Protestler und 50 Kamerateams“, schnaubte der Galerist Marcel Fleiss verächtlich. Der Vertraute und Freund der im Jahr 2000 verstorbenen Witwe Bretons und der noch lebenden Tochter Aube meinte: „Nach dem Prinzip von Andy Warhol wollen hier ein paar Figuren für 15 Minuten berühmt werden.“ Die Protestierer wurden des Saales verwiesen, und die Profis übernahmen am Ende das Feld. Sie hielten Blickkontakt mit dem Auktionatorenteam Laurence Camels und Cyrille Cohen und der synchron nonstop tickenden digitalen roten Anzeigetafel. Nüchtern gaben die Interessenten ihre Gebote ab, von Auktionsfieber keine Spur.

Ein Blick in die fünf Ausstellungssäle, wo die Ali-Baba-Höhle des Intellektuellen nun filettiert in Vitrinen und auf Sockeln den Blicken preisgegeben wurde, verweist die „Protestakte Breton“ allerdings ins Lächerliche. Ein kompletter Ankauf vonseiten des Staates, der 20 Jahre lang diskutierte Erhalt des fragilen Ensembles auf den weniger als 80 Quadratmetern in der Rue Fontaine 42, wäre kaum gerechtfertigt gewesen. 95 schmiedeeiserne Waffeleisen fanden sich im Nachlass, ebenso viele Porzellanweihwasserbecken für den Hausgebrauch, aufgespießte Schmetterlinge, Muscheln, Münzen, zweit- und drittklassige Gemälde. Alles steht nun wieder isoliert für sich. Dem einstigen Gesamtkunstwerk ist der Esprit durch diese Präsentation natürlich ausgetrieben – und der Wert vieler Einzelstücke bleibt nur für die Souvenierjäger verständlich.

Die Fachleute, die Händler und nicht zuletzt auch der gescholtene Staat haben den Nachlass jedoch genau studiert. Die Städte Nantes und Reims und auch alle großen Museen Frankreichs waren an den Tagen vor Ort, als es um die teils handschriftlich zugeeigneten 3500 Bücher ging, vielfach mit beigelegten persönlichen Briefen versehen, sowie um die 500 handschriftlichen Manuskripte. Per Vorkaufsrecht pickten sie sich viel Gutes heraus. „Hier sind durchaus auch Trüffel auszugraben“, murmelte der Bücherexperte Claude Oterelo vor rund 250 Bietern und zwei Reihen von Telefonen ins Mikrofon. Dem Pariser Buchantiquar Jean-Claude Vrain war das Exemplar von Qu’est-ce que le Surréalisme? (1934) mit einem beigelegten Blatt von René Magrittes Viol gegen alle Konkurrenz 243000 Euro wert.

Für einen kaum nennenswerten Betrag ersteigerte dagegen die Kunsthistorikerin Hélène Klein für das Musée Picasso eine kleine bibiliophile Preziose. Sie kannte die Wohnung Bretons am Montmartre gut. Sie konnte dort für eine Ausstellung von Francis Picabia im Jahr 1972 die reichen Unterlagen einsehen. Von der Entzauberung des einstigen Universums zeigte sie sich ebenso „zerstört“. Viele Besucher zeigten sich nach der zehntägigen Besichtigung allerdings nur enttäuscht.

Mehr als 50000 Besucher hatten in den ersten Tagen die Chance wahrgenommen, einen Blick in das Wohn-und Gedankengebäude Bretons zu werfen. Schließlich dienten die Sammelstücke in ihrer Kombination und ihrem unverbundenen Nebeneinander auch als Instrumente der Auslotung somnambuler, visionärer, medialer, halluzinatorischer, rauschhafter und traumhafter Zustände des Menschen.

Erstmals in der französischen Auktionsgeschichte standen die Säle dem Publikum 14 Tage lang – statt anderthalb – offen. Die Exponate waren durch angepinnte Legenden auf kleinen weißen Kärtchen ausgewiesen. „Ein Geschenk an die Bürger von Paris“, sagt Marcel Fleiss, „ebenso wie die DVD mit sämtlichen Informationen zu jedem Stück der Auktion.“ Die Tochter Aube Breton finanzierte die Herstellung.

Bretons Tür eingetreten, so was!

Neun Jahre lang hatte die Wohnung von André Breton leer gestanden. Das Ensemble blieb unangetastet, bis der Vermieter die Tür zur Rue Fontaine 42 gewaltsam öffnen ließ. Nach französischem Recht ist leer stehender Mietraum wieder nutzbar zu machen. Als sich die Tochter darüber hinaus nach dem Tod ihrer Stiefmutter mit einer 60-prozentigen Erbschaftssteuer konfrontiert sah und die Verhandlungen über eine Stiftung oder Musealisierung des Ateliers zu nichts führten, blieb ihr nur der Verkauf.

Experten sondierten den Nachlass und kamen sich in dem engen Refugium am Montmartre ins Gehege, wie Alain de Monbrison, Kenner primitiver Kunst und Gutachter für den Louvre, erzählt. Die Kunst Ozeaniens, Südamerikas und der Eskimos war das zentrale Sammelgebiet Bretons seit seinem 18. Lebensjahr. Um es zu vervollständigen, bediente er sich des Rats berühmter belgischer und französischer Sammler. Für den Erwerb einer 1939 für ihn nicht zu finanzierenden Skulptur verkaufte er 1963 ein bedeutendes Bild von Giorgio de Chirico.

Im Rahmen einer Dation – Abgeltung von Erbschaftssteuer gegen Kunst – kam das Centre Pompidou auf Betreiben seines Direktors Werner Spies in den Besitz des Herzstücks der ehemaligen Denkfabrik Bretons. Die so genannte Wand mit 280 Gegenständen, einst um den Schreibtisch des Poeten gruppiert, wirkt in dem Ausstellungshaus jedoch seltsam isoliert und aufgeräumt, ähnlich wie das auf dem Platz davor rekonstruierte Atelier von Constantin Brancusi.

Man kann Form und Stil dieser Auflösung bedauern. Eine große persönliche Obsession und die große Idee des Surrealismus, die aus dem Streit mit zu Feinden erklärten ehemaligen Freunden wie Salvador Dalí, Paul Eluard oder Pablo Picasso entstanden war, sind nun ein Stück mehr verschwunden. Aber schließlich hatte auch Breton selbst die Bücher der in Ungnade gefallenen Mitstreiter an den Quais von Paris verhökert. Die einzige Verfügung, die er hinterließ, betraf seine Korrespondenz. Sie geht nun geschlossen an die Bibliotèque Jacques Doucet in Paris. Der Rest muss seinen Weg an andere Orte finden.

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  • Von Claudia Herstatt
  • Datum
  • Serie Kunst
  • Quelle (c) DIE ZEIT 16.04.2003 Nr.17
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