Klaas* sitzt unter dem Tisch und hält sich die Ohren zu. Anne Brenneke unterbricht den Unterricht in der 1a und tut erstaunt: Seht mal, der Klaas ist weg. Ach, er sitzt unterm Tisch. Wenn jemand unterm Tisch sitzt, kann es ihm eigentlich nicht gut gehen, oder? Kann ihm vielleicht jemand helfen? Ein Dutzend Erstklässler drängt sich um Klaas, fragt, mutmaßt, gibt Ratschläge. Klaas im Mittelpunkt. Ein Lächeln wandert über sein Gesicht. Fünf Minuten später kann es weitergehen mit dem Unterricht. Halt – nein: Jetzt sitzt ein anderer Junge unterm Tisch.

Seit in der vergangenen Woche die Iglu-Studie (Internationale-Grundschul-Lese-Untersuchung) Deutschlands Viertklässlern ein passables Zeugnis ausstellte (ZEIT Nr. 16/03), geraten auch ihre Lehrer ins Blickfeld. Was machen sie besser als ihre Kollegen an den weiterführenden Schulen? Und was läuft schief? Schließlich schnitten Länder wie Schweden oder Holland deutlich besser ab als Deutschland.

Anne Brenneke muss nicht nur wissen, was man tut, wenn Kinder plötzlich unter der Tischplatte verschwinden. Es kommt auch vor, dass sich ein Schüler in die Hose macht, dafür steht ein Sack mit Ersatzklamotten bereit. Andere Kinder können sich nicht konzentrieren, reden einfach, wenn es ihnen einfällt, wieder andere flüchten immer dann aufs Klo, wenn es für sie anstrengend wird. Wenn die 29Jährige etwas erklärt, versucht sie gleichzeitig, die Anweisungen mit den Händen und ihrem Gesichtsausdruck zu unterstreichen. Sieben ihrer Schüler sind Ausländer und verstehen nicht alles, was sie sagt. All das hält sie für normal, schließlich ist der Hamburger Stadtteil Langenhorn, in dem sie arbeitet, eine gewöhnliche Gegend, sozial durchwachsen, kein Brennpunkt. Der Alltag einer Grundschullehrerin eben.

Ein Alltag, mit dem die Vorlesungen, die Brenneke während ihres Studiums besuchte, oft nicht viel zu tun hatten. Angehende Grundschullehrer müssen sich ihr Studienprogramm aus den Angeboten verschiedener Fächer zusammensammeln: Brenneke hörte gemeinsam mit den Magister- und Diplomstudenten Biologie und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Soziologie, außerdem Vorlesungen aus den Erziehungswissenschaften. "Es war sehr unzusammenhängend und diffus, man riss eben Scheine ab", erinnert sie sich. Oft habe sie sich unzufrieden gefühlt, besonders am Anfang, erst später sei die Motivation gestiegen.

Zwar müssen angehende Grundschullehrer auch Seminare und Vorlesungen besuchen, die speziell auf die Grundschule zugeschnitten sind: Veranstaltungen zum Erstlesen und Erstrechnen zum Beispiel oder Didaktikveranstaltungen für bestimmte Fächer. Diese machen aber meist nur den kleineren Teil des Studiums aus.

Wissenschaftler an der Universität Siegen baten nordrhein-westfälische und baden-württembergische Lehramtsanwärter für die Primarstufe, ihr Studium mit Schulnoten zu bewerten. Wie gut fühlten sie sich auf das Referendariat vorbereitet? Das Zeugnis fiel schwach aus: Im Schnitt gab’s eine knappe Vier, die beste Hochschule erhielt eine 3,5. Große Unterschiede zwischen den Bundesländern zeigten sich nicht, obwohl das baden-württembergische Ausbildungssystem gemeinhin als praxisnäher gilt: "Es gibt größere Unterschiede zwischen den einzelnen Hochschulen und zwischen den Fächern an ein und derselben Hochschule als zwischen den Systemen", beobachtet der Leiter der Studie, der Siegener Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann. Wenn ein Fach gut bewertet wurde, dann oft, weil es dort einzelne engagierte Dozenten gab.

8.35 Uhr, Morgenrunde in der 1a. Die Kinder sitzen im Kreis, erzählen, was sie am Wochenende erlebt haben. Cornelius hält einen Zauberstab in der Hand, durchsichtig, mit rotem Glitter drinnen. Es darf immer das Kind sprechen, das den Stab hat. Cornelius kann auch andere Kinder "drannehmen". Anne Brenneke hat Monate dafür gebraucht, dass ihre Erstklässler sich an dieses Prinzip halten. "Wenn sie kommen, sind sie alle kleine Ich-AGs", sagt sie. Sie will sie dazu bringen, auch andere Kinder und deren Wünsche wahrzunehmen und am Ende vielleicht sogar die ganze Gruppe.

Immer mehr Energie müssen Grundschullehrer aufs Erziehen verwenden. Das fällt auch deswegen schwer, weil in vielen Elternhäusern Einstellungen vermittelt werden, die mit denen der Lehrer wenig gemein haben. Von diesen stammen über zwei Drittel aus dem so genannten liberal-intellektuellen Milieu, fand die Erziehungswissenschaftlerin Eva Schumacher heraus. Dort zählen Weltoffenheit und Toleranz. Man lebt umwelt- und gesundheitsbewusst, verhält sich politisch korrekt und lehnt "sinnentleerten" Konsum ab. Sozial gerecht soll es zugehen, gleichzeitig wird die Individualität hochgehalten. Dagegen kommen nur rund zehn Prozent der Bevölkerung aus diesem Milieu – im Klassenzimmer prallen Welten aufeinander. Verschärft wird die Lage durch den Männermangel. Männer stellen nur knapp 15 Prozent der Grundschullehrer. Dabei wären sie als Vorbild gerade für die Jungen wichtig. Als in Anne Brennekes Klasse ein Zivi auftauchte, der sich um ein Problemkind kümmerte, belegten ihn auch die anderen Jungs gleich mit Beschlag. "Er ist für sie auf eine andere Art wichtig als ich", beobachtet Brenneke. Männergespräche über Fußball lassen sich eben nicht mit einer Lehrerin führen und als Rollenvorbild für Jungs taugt sie auch wenig.