Im Grunde hat die französische Band Air immer nur Soundtracks abgeliefert. Musik, die aus dem Hintergrund kommt und in der Monotonie einen melancholischen Trost findet. Songs wie ihr stiller Hit All I need, zu denen man ideal träumen, Filme gucken, lesen oder sonstwie das Leben verpassen konnte. Verwunderlich ist es also nicht, dass die beiden Bandmitglieder JB Dunckel und Nicolas Grodin sofort zusagten, als der befreundete Autor Alessandro Baricco sie einlud, eine seiner Lesungen live zu begleiten. Der Erfolg der Veranstaltung im letzten November in Turin muss so groß gewesen sein, dass man sich entschied, gleich ein Album daraus zu machen. City Reading (Labels/Virgin Records) besteht aus drei klischeesatten Western-Geschichten, die Baricco seinem märchenhaften Roman City entnommen hat. In Closingtown, dem fiktiven Ort der Handlung, wimmelt es nur so von alternden gun men und kindermordenden Sheriffs, Huren und deren jugendlichen Liebhabern.

JB Grodin und Nicolas Dunckel musizieren dazu noch zurückgenommener als bei ihrem ersten "echten" Soundtrack - zu Sofie Coppolas Filmdebüt The Virgin Suicides, der die fantastisch-apathische Hit-Single High School Lover hervorbrachte. Mit akustischer Western-Gitarre, summenden Synthesizern und gelegentlich aufgaloppierenden Kastagnetten-Beats stellen sie sich für City Reading ganz in den Dienst der Sache und lassen die arg abgerittenen Untoten aus Bariccos Erzählungen als elektrische Cowboys wieder auferstehen.

Die Musik erklingt synchron zur flirrenden Hitze der Wüste oder als Gewittergrollen kurz vor dem Showdown. Oder auch mal kontrapunktisch, als Verbeugung vor Ennio Morricone, dem großen Paten des Spaghetti-Westerns: Eine sentimentale, naive Flötenmelodie ertönt, während die Hure Fanny sich mit dem impotenten Sohn des Richters abmüht. "Bird!", raunt Baricco immer wieder sotto voce den Namen des vecchio pistolero, und am besten liest man parallel dazu die auch als dtv-Taschenbuch erschienene deutsche Ausgabe von City, um die Geschichten vom Revolverhelden Bird, von Fanny, der "Puttana di Closingtown", oder von der Menschenjagd - Caccia all'uomo - auch wirklich zu verstehen.

Hören und Lesen - das führte immer schon zu unkonzentriertem Firlefanz oder zu den schönsten Überblendungen und Interferenzen. Im vorliegenden Fall, die Übersetzung lesend, die Erzählerstimme hörend, der Musik lauschend, hat man die Wahl, sich entweder Bariccos psychologisch-poetischem Infantilismus hinzugeben, der in der Melodik des Italienischen und Airs atmosphärischem Literatur-Soundtrack aufzugehen scheint. Oder aber man versteht mehr - und lauscht einem solide vertonten Hörbuch.