falschzeugnis Darf’s noch etwas mehr sein?

Der Betrüger Jürgen Harksen hatte es auf die konservativsten Geschäftsleute abgesehen, und sie warfen ihm ihre Millionen hinterher. Jetzt sitzt er in Haft und findet, dass man sehr gut ohne Geld auskommt

Vereinzelt passiert es, dass Straftäter vom Volk bewundert werden. Dass sie, obwohl sie anderen übel mitgespielt haben, die Lacher auf ihrer Seite wissen. Es sind Schelme und Galgenstricke mit dieser Mischung aus Tücke, Selbstinszenierung, Gewissenlosigkeit und Spaß, deren frevelhafter Einfallsreichtum den angerichteten Schaden beinahe vergessen macht. Till Eulenspiegel war so ein Schalk, der sich – lebte er heute – vor allem in norddeutschen Haftanstalten aufhalten müsste. Sein auf 96 Schwänke verteiltes Leben, das vom mittelalterlichen Autor Herrmann Bote in ebenso vielen Kapiteln aufgeschrieben wurde, ist – mit den Augen eines Staatsanwalts betrachtet – nichts anderes als eine kriminelle Existenz. Seine Streiche erfüllen die Straftatbestände des Diebstahls, des Betrugs, der Beleidigung und schweren Körperverletzung. Was also rettete seinen feixenden Mythos über sieben Jahrhunderte? Dass er den Menschen einen Spiegel vorhielt. Zwar werden seine Opfer geschädigt, aber mit einem höheren Gut entschädigt: der Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit.

Aus dem Holze des Schalks ist auch Jürgen Harksen gemacht, der am 11. April von der Großen Strafkammer 20 des Landgerichts Hamburg zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt worden ist. Schwerreiche hanseatische Fabrikanten, Freiberufler und Erben hat er mit Witz und Chuzpe um ihre Millionen gebracht. Seine Taten sind, legt man die Elle der Strafverfolgung an, nichts anderes als abgefeimter Anlagebetrug. Und doch umgibt sein Vergehen die Aura einer genialen Eulenspiegelei. Harksens Missetaten demaskieren seine Opfer, stellen ihre Gier und Einfalt bloß, setzen sie der Schadenfreude des Volkes aus: Seht her, so leicht ist es, euch das Fell über die Ohren ziehen! Die Journalisten der Hansestadt machen es sich auf der Pressebank des Gerichtssaals gemütlich und freuen sich über jeden neuen Zeugen. Täglich hören und lesen die Hanseaten, wie Harksen ihresgleichen narrte. So offenbart der Schelm nicht nur den Gefoppten, sondern allen Menschen, die Augen haben zu sehen und Ohren zu hören, wie sie beschaffen sind: selbstgefällig und unersättlich. Und weil diese Kombination komisch ist und eine Entlarvung immer befreit, ist das Gelächter die Begleitmusik im Prozess gegen Jürgen Harksen.

Anzeige

Was die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten vorwirft, gesteht dieser alsbald. Ja, er hat die Firma Nordanalyse gegründet, sich Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger als Anlageberater ausgegeben und wohlhabende Leute dazu beschwatzt, bei ihm zu investieren. Monströse Gewinne von 1300 Prozent stellte er ihnen in Aussicht, weshalb sie ihm freudig ihre Millionen anvertrauten. Wie viele Gutgläubige er hereingelegt hat, weiß Harksen womöglich selbst nicht mehr. 70 Geschädigte zählt die Anklageschrift auf, die insgesamt um etwa 64 Millionen Mark geprellt wurden, aber man darf annehmen, dass mancher Betrogene nie aus dem Dunkel der Anonymität getreten ist – sei es aus Scham, dem Gaukler so blind auf den Leim gekrochen zu sein, sei es, weil es Schwarzgeld war, was er Harksen kofferweise hinterherwarf. Vor dem Hamburger Landgericht blieben jedenfalls spärliche drei Harksen-Opfer übrig, denen zusammengenommen 34 Millionen Mark schmerzlich fehlen.

Den dramatischen Schwund an Leidtragenden hat der Angeklagte den Behörden Südafrikas zu verdanken. Dorthin war Harksen 1993 vor dem Zugriff der Strafverfolger und dem Druck seiner Gläubiger geflohen, hatte sogleich die Firma South Analysis ins Leben gerufen und sein Treiben fortgesetzt. Neun Jahre später lieferte man ihn aus – aber nur unter der Bedingung, dass er allein für die Übeltaten an diesen drei Geschädigten vor Gericht gestellt werden dürfe. Das Glück blieb dem Glücksritter also auch im Unglück treu.

Harksen (geboren 1960, verheiratet, drei Kinder) hat nicht allein auf der Anklagebank Platz genommen, bei ihm sitzen Ehefrau Jeanette und der Wirtschaftsprüfer Dirk H., die seine Streiche unterstützten. Beide kommen mit Bewährungsstrafen davon. Ein vierter Angeklagter – Spießgeselle Harksens, der den seriösen Treuhänder gab – ist zur Verhandlung gar nicht erst erschienen. Stattdessen schickt er Atteste aus der Schweiz, die beweisen sollen, dass Siechtum ihn ans Bett fesselt und jede Aufregung verboten ist. Dabei nimmt er regen Anteil am Prozess. Harksen erhält dauernd Post aus den Schweizer Bergen, die im Untersuchungsgefängnis abgefangen und vom Vorsitzenden Richter öffentlich verlesen wird. »Bleib bei der Wahrheit«, mahnt der Kombattant vom Krankenbett aus.

Bei welcher Wahrheit? Hinter dem Richtertisch erhebt sich eine eindrucksvolle Mauer aus 90 Ordnern, in denen die zahllosen Wahrheiten des Jürgen Harksen dokumentiert sind. Vor den Richtern sitzt er selbst, ein Paradeangeklagter von euphorischer Demut, der Besserung gelobt, wann immer er Gelegenheit dazu erhält, seine Richter formvollendet anspricht (»Herr Vorsitzender, Hohes Gericht«) und komplizierte Firmennamen unaufgefordert buchstabiert. Gleich zu Beginn seines Geständnisses verzettelt sich Harksen im Labyrinth seiner Geschäfte, das nicht nur aus der Nordanalyse, sondern aus einem Gewirr von Firmen, Aktiengesellschaften, Beteiligungen, Subunternehmen und Briefkastenfirmen besteht. »Ich will ja nicht unterbrechen«, wirft der freundliche Vorsitzende, Ernst-Rainer Schudt, irgendwann ein, »aber wir sollten mal zum Punkt kommen.« – »Zu welchem Punkt?« – »Na, ob Sie betrogen haben oder nicht.« – »Ooch, zu dem Punkt.« Es klingt enttäuscht. Der Saal kichert.

Der Punkt ist das Großinvestment, dem Harksens Anleger so hoffnungsfroh beitraten. Das »Investment« war der von Harksen aufgestellte Honigtopf, in den die Fliegen plumpsten. Zur Entstehungsgeschichte dieses Investments, das Wohlhabende zu Millionären und Millionäre zu Multimillionären machen sollte, setzte Harksen mehrere Legenden in Umlauf. Zu Beginn seines Wirkens behauptete er, mit der Nordanalyse diverse Firmen zu »durchleuchten« und auf diese Weise phänomenale Aktiengewinne zu erzielen. Später erfand der damals 28-jährige Harksen das »Skandinavien Investment« mit dem er durch Transaktionen, Aktiengeschäfte und Firmenübernahmen in Schweden, Dänemark und Norwegen aus 5 Millionen Mark im Handumdrehen 19 Millionen gemacht haben wollte. Donnerwetter!

Die Leute investierten, die Versprechungen wuchsen und wuchsen. Anfang der Neunziger harrten die Anleger bereits auf eine Milliardenausschüttung. Vergeblich – was kam, war die neue Legende vom »Scan 1000« und dem sagenhaften Ölfund, den Harksen in einem norwegischen Fjord gemacht haben wollte. Harksen sei (so ging die Sage) auf eine Mole getreten und habe den Duft der sich dort im Winde wiegenden Fischernetze eingesogen. Ölgeruch sei ihm in die Nase gestiegen, habe ihn zum Erwerb der Schürfrechte im Fjord veranlasst, wo er – mithilfe des Geldes seiner Investoren – auf die größten norwegischen Ölvorkommen aller Zeiten gestoßen sei. Der Verkauf der Rechte an die norwegische Regierung habe fantastische Gewinne gebracht, die durch Transaktionen an der »skandinavischen Börse« am Fiskus vorbeibugsiert werden sollten. Bitter nur, dass das gewaltige Vermögen, das Harksen – dank treuer Anleger – ansammeln konnte, nie zur Auszahlung reifte. Irgendein widriger Umstand, ein bockiges Amt, eine angeblich nicht erteilte Kapital-Export-Genehmigung oder ungeklärter Steuerwirrwarr mit den »skandinavischen Behörden« blockierte stets den großen Geldsegen. »Sagen Sie mal«, fragt Harksens Verteidiger, Gerhard Strate, die geschädigten Zeugen, »glaubten Sie tatsächlich, dass es eine skandinavische Börse und skandinavische Behörden gibt? Meines Wissens besteht Skandinavien aus vier Staaten.« Die Zeugen antworten, es hätte plausibel geklungen, deshalb hätten sie es geglaubt. Der Vorsitzende schüttelt den Kopf: »Unfassbar.«

Die tollste Geschichte, die Harksen ersann, um sich die Anleger vom Leibe zu halten, war die von der »Global Finance«-Bank, die in England gegründet werden müsste, um das massive Bargeldvermögen aus »Skandinavien« entgegenzunehmen und auszuzahlen. Ein Londoner »Lordrichter« jedoch wolle und wolle der Bankengründung nicht zustimmen. »Leuchtete Ihnen ein, dass zur Auszahlung einer Summe eine Bank gegründet werden muss?«, fragt Strate den Kaufmann und Bauunternehmer Siegfried Greve, der, auf 90fachen Gewinn hoffend, mehr als 20 Millionen Mark bei Harksen ließ. »Ja.« – »Haben Sie nachgeprüft, ob es zur Gründung und Lizenzierung einer Bank einen Lordrichter braucht?« – »Ich habe mich da auf Harksen verlassen.« – »Der Verstand sollte nicht ganz aussetzen«, findet Strate. Und der Vorsitzende staunt: »Das ist ja furchtbar.«

Um die Anleger bei Laune zu halten, schicke man Betäubungsbriefe

Das wahre Geheimnis um die Geldblockade wird nun vor dem Gericht gelüftet. »Ein Investment«, verrät Harksen, »hat es nie gegeben.« Beschämt blickt er zum Richtertisch hinauf. Ein paar kleine Aktiengeschäfte mit dürftigen Gewinnen, eine Reihe Firmen, die viel hermachten und wenig abwarfen – das waren Harksens reale Geschäfte. Alles andere ein Ausflug in die Märchenwelt. »Was ist denn mit dem ganzen Geld passiert?«, fragt der Vorsitzende. »Ich habe es für meine verschwenderische Lebensart ausgegeben«, entgegnet Harksen reumütig. Sein großartiger Stil speiste sich aus den Summen seiner Anleger. Die investierten voller Energie, vermeintlich in künftigen eigenen Reichtum, tatsächlich aber in die Flugzeuge, die Villen und Ferraris des Hochstaplers Harksen. Und natürlich in seine rauschenden Feste, zu denen er sie freundlicherweise einlud.

Um die Anleger bei Laune zu halten, schickte Harksen ihnen unverdrossen »Kunden-Rundschreiben«, in Wahrheit Betäubungsbriefe, in denen die baldige Auszahlung des Investments in greifbare Nähe gerückt wurde. Über Stunden verliest das Gericht Beschwichtigungsfloskeln und Beschwörungsformeln, durchsetzt mit aufmunternden Redensarten, mit denen Harksen seine Opfer über viele Jahre und noch vom fernen Südafrika aus vertröstete. Der Inhalt ist immer der gleiche: Der große Goldregen stehe bevor, bloß müsse schnell noch dieses Hindernis beseitigt oder jenes Ärgernis aus der Welt geschafft werden. Dann aber…

Herrn F. wird 1989 ein Nettogewinn von »55200000 (fünfundfünfzig Millionen zweihunderttausend)« Mark angekündigt, der freilich nie eintrifft. Als Herr F. sich 1991 beschwert, weist Harksen die Verantwortung von sich: »Du hast Geld angelegt! Spekulativ! Du hast mit diesem Geld viel Geld verdienen wollen! Vielleicht zu viel!« 1993 diktiert Harksen (schon aus Kapstadt) an die lieben Anleger diesen Weihnachtsgruß: »Sie wissen, wie sehr ich mir gewünscht hätte, in diesem Jahr das Investment abzuschließen. Manche von Ihnen haben diese Hoffnung schon zum sechsten Mal mit mir geteilt, doch leider kann auch das verflixte 7. Jahr keine Erfüllung bringen.«

Trotzdem – nicht alle Kunden gingen leer aus. Vor allem Kleinanleger der ersten Stunde bekamen ihr Geld tatsächlich zurück, manche sogar mit horrenden Gewinnen. Diese Summen entstammten aber nicht, wie sie fälschlich vermuteten, irgendeinem obskuren »Investment«, sondern den Portemonnaies jener Anleger, die später auf den Zug gesprungen waren. Das ganze Wunder funktionierte durch ein simples Schneeballsystem. Harksen flickte ein Loch, indem er ein anderes aufriss. Nur gehört zur Konsequenz dieses Systems eben auch, dass den Letzten die Hunde beißen. Und die Letzten waren jene schwerreichen Investoren, die dem Scharlatan – von den Erfolgen der Kleinanleger angelockt – Abermillionen in den Rachen stopften.

Wie konnten mit allen Wassern gewaschene Geschäftsleute sich so einwickeln lassen? Der Zeuge Dietrich Liedelt, ein extrovertierter Mittsechziger, Kaufmann in der Immobilienbranche, erzählt: Ein Freund habe ihn »heiß gemacht aufs ganz große Geld« und ihn am 9. August 1989 um 9 Uhr morgens dem Anlageberater Jürgen Harksen vorgestellt. Der gratulierte ihm gleich: Sie haben Glück – gerade ist ein Anleger aus Liquiditätsgründen aus dem Investment ausgestiegen, wenn Sie bis Schlag 12 Uhr 520000 Mark vorbeibringen, sind Sie dabei. Er, Liedelt, sei losgerannt und habe unter den befremdeten Blicken der Bankangestellten sein Geld abgehoben. Sechs Monate später trug er eine weitere Viertelmillion zu Harksen. Als der ihm bald danach erneut anbot zu investieren, war Liedelt nicht flüssig. Deshalb erinnerte Harksen ihn: Du hast doch noch Häuser. »Wieso haben Sie so leichtfertig investiert?«, fragt der Vorsitzende. »Bei der Aussicht auf den 13fachen Gewinn wird der Mensch zum Spieler«, verteidigt sich Liedelt. Außerdem sei Harksen immer in Gesellschaft »wichtiger« Herren wie Steuerberater Dr. W. und Rechtsanwalt Dr. M. gewesen. »Dass ein Mann wie Harksen mich reingelegt hat, da zieh ich den Hut vor«, schließt der Zeuge.

Weit Schlimmeres als ihm widerfuhr dem Juwelier Hanns Christian Hülse-Reutter, dem Erben eines Hamburger Traditionshauses. Hier ging Harksen als Freund schöner Steine ein und aus, der zuweilen neue Kunden mitbrachte. Zufällig alles Anleger, die ihr erworbenes Geschmeide nicht mit schnödem Mammon, sondern mit Beitrittserklärungen zum sagenumwobenen Harksen-Investment bezahlten. Später investierte Hülse-Reutter selbst: erst 744000 Mark, dann (angeblich waren gerade wieder Anleger abgesprungen) 659000 Mark. Jetzt wurde der Juwlier mit seiner Frau eingeladen zu panem et circenses: ins traute Heim der Familie Harksen, in den gemütlichen Kreis ihrer Freunde; zu Privatflügen nach London, wo man weitere Investoren kennen lernte und mit dem Bentley umherkutschierte; nach Ibiza, wo man unter sternenklarem Firmament auf der Klampfe zupfte und auf Harksens Jacht nach Formentera hinüberschipperte. Dort traf man zufällig wieder auf Harksens Anwalt Dr. M., der munkelte, er könne »das Geld schon förmlich anfassen«. Was Hülse-Reutter aber besonderes Vertrauen einflößte, war die Tatsache, dass er unter den Anlegern manch stadtbekannten Geizhals erspäht hatte, der sich nur unter Qualen von seinem Gelde trennte. Deshalb, und weil der Urlaub so schön gewesen war, investierte der Juwelier gleich noch einmal drei Millionen Mark.

Es kamen Briefe der Nordanalyse, dass die Auszahlung sich verzögere. Inzwischen besuchte man Harksen nicht mehr in seiner Fünfmillionenvilla in Hamburg-Poppenbüttel, sondern auf seinem Anwesen in Südafrika. Auch zahllose andere Anleger hatten die weite Reise nicht gescheut, um Harksen und seinen Milliarden nahe zu sein. »Es gab tagelange Meetings in Kapstadt, wobei das nichtvorhandene Investment besprochen wurde«, berichtet der Zeuge. Jetzt wurden den Hülse-Reutters »wichtige Treuhänder« vorgestellt. Als es im Frühjahr 1994 wieder hieß, Investoren seien abgesprungen, übernahm Hülse-Reutter ohne Zögern deren Anteile für 1,7 Millionen Mark. Warum auch nicht? Die Ausschüttung stand ja ins Haus. Dann ein Schreck! Querulatorische Anleger, die es müde waren, auf ihr Geld zu warten, hatten ein Konkursverfahren gegen Harksen eingeleitet. Doch der Auszahlung des Investments an einen Pleitier würden die »skandinavischen Behörden« niemals zustimmen.

Je unglaubhafter die Geschichten, desto eher werden sie geglaubt

Nun bat Hülse-Reutter, selbst klamm geworden, seine Mutter um Geld, und die Gute zahlte insgesamt 7,2 Millionen, um die vermeintliche Blockade des vermeintlichen Investments zu beseitigen. Bei diesen Summen spielt es schon fast keine Rolle mehr, dass der Juwelier alsbald noch einmal 1,3 Millionen Mark ins Fass ohne Boden warf und später seiner Mutter erneut Darlehen für drei Millionen abrang. Obwohl keine Mark zurückkam, verfütterte Hülse-Reutter zuletzt Ende der Neunziger nochmals »eine runde Million« an Harksen. Der Zeuge kann einem leid tun. »Ich bin in den Sog eines Schwarzen Loches geraten«, sagt er zum Vorsitzenden. Der murmelt bloß: »Wahnsinn.«

So wie diesem Zeugen erging es vielen. Alle Geschichten fangen gleich an und hören gleich auf. Die Anleger glaubten Harksen immer heftiger, je unglaubhafter seine Geschichten wurden. Er testete quasi in Menschenversuchen die Leidensfähigkeit seiner Kunden. Später, beim Staatsanwalt, sprachen die Gerupften dann von Harksens »magischen Kräften«, seiner »hypnotischen Gabe«, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. »Ich saß ihm 15 Minuten gegenüber, da hatte er schon eine halbe Million«, steht in einem Vernehmungsprotokoll. »Wie kommt das?«, fragt der Vorsitzende den Angeklagten. »Ich weiß nicht«, antwortet Harksen. »Ich trug orangene Anzüge, gelbe Socken, hatte eine gelbe Brille auf und fuhr einen roten Ferrari. Ich war eher schillernd. Es war wohl die Gier, die die Leute blind gemacht hat. Das hatte nichts mit mir zu tun.«

Der total seriöse Revisor war eigentlich ein Farmer aus Namibia

Zeugen bestätigen, dass Harksen durchaus unseriös daherkam. Er hat sich die Mühe der Verstellung nicht einmal machen müssen, hat weder den grauen Geschäftsmann gemimt noch den korrekten Zahlenmenschen. Er hat sich verkleidet als der, der er ist: ein Eulenspiegel im Narrengewand. Und wie von Till Eulenspiegel geschrieben steht, er habe die Gesellschaft der Freigiebigen gemieden und die der Geizigen gesucht, weil bei denen am meisten zu holen war, so hatte es Harksen nach eigenen Angaben auf die »allerkonservativsten Geschäftsleute« abgesehen und räumte ihnen die Taschen leer. »Ich kann mir das auch nicht erklären«, fährt der Angeklagte fort. »Da platzt ein Wechsel nach dem anderen, da platzen 100 Wechsel, und sie geben mir 200-mal Geld.«

Während Harksen sich in der Rolle des irisierenden Finanzgenies dicketat, überließ er es einer Vielzahl von mehr oder weniger in die Sinnleere ihres Tuns eingeweihten Komplizen und Helfershelfern, den Geruch des Ernsthaften und Gediegenen zu verströmen. Wo er ging und stand, war der Joker umgeben von einem Schwarm honorig aussehender Treuhänder, achtbar anmutender Rechtsanwälte und gewichtig dreinblickender Wirtschaftsprüfer, die – auf das Investment angesprochen – stets zuversichtlich nickten.

Der geschädigte Unternehmensberater Siegfried Lowack erzählt dem Gericht, er habe sich 1994 auf den Spuren seines Geldes nach Südafrika aufgemacht, um endlich die Auszahlung zu erzwingen. Dort sei er von Harksen als guter Freund bewirtet worden. Plötzlich habe sich die Tür geöffnet, ein »total seriöser Herr Ende 60« habe den Raum betreten und sei ihm als »graue Eminenz des Investments« vorgestellt worden. Es habe sich um Lars-Peter Arnemann Paulsen gehandelt, von dem die Anleger aus diversen Rundschreiben zwar wussten, dass er »staatsautorisierter Revisor des Investments« in Skandinavien sei, doch hatte ihn so gut wie nie jemand zu Gesicht bekommen. Er selbst sei »total begeistert« gewesen von dieser Begegnung, fährt der Zeuge fort. Der Würdenträger sei »so seriös« gewesen und habe »alles bestätigt, was Harksen sagte«. Beruhigt sei er, Lowack, wieder nach Hause geflogen und habe erst später erfahren, dass der angebliche Revisor in Wirklichkeit irgendein Duzfreund Harksens, ein Farmer aus Namibia, gewesen sei. Die Figur des Lars-Peter Arnemann Paulsen war mitsamt ihrer Autorität bloß eines der vielen Hirngespinste des Betrügers.

Wer Jürgen Harksen heute sprechen will, muss ins Untersuchungsgefängnis gehen. Dort empfängt der Häftling in der Besucherzelle und verzieht sein rundes Schalksgesicht zu einem Lächeln. Es gehe gut ohne Geld, bekundet er, Geld bedeute ihm null. Warum dann das ganze Abenteuer? »Es ging allein um den Erfolg«, erwiedert Harksen, »ich wollte diese stockkonservativen Hanseaten dazu kriegen, bei mir anzulegen.« Harksen selbst kommt aus schlimmen Verhältnissen, sein Vater trank, seine Mutter war psychisch krank, er selbst war Sonderschüler und kann wegen einer schweren Legasthenie kaum lesen und schreiben. Verstehen Sie überhaupt etwas von Wirtschaft? Harksen feixt: »Inzwischen ein bisschen. Es ist ein Spiel! Wir spielten Monopoly für Erwachsene.« Er grinst zum Vollzugsbeamten hinüber: »Gehe direkt ins Gefängnis, gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000 Mark ein.«

Spielen, das tun Heiratsschwindler auch. »Ich bin kein Heiratsschwindler«, sagt Harksen verschnupft. »Ich spiele nicht mit der Liebe und den Herzen von Menschen. Ich spielte mit ihren Millionen.« Und die Freundschaften mit den Anlegern? »Was sind das für Freundschaften?«, fragt Harksen zurück. »Für jede Million, die sie mir gaben, wollten sie 13 Millionen wiederhaben.« Was trieb Sie an, Herr Harksen? Ein uneingestandenes Bedürfnis nach Rache? »Vielleicht«, sagt Harksen. »Diese geizigen Multimillionäre sehen auf alle herab, die weniger haben als sie. Die sind in ihren Augen bloß Gesocks. Sie sollten mal hören, wie Reiche über Ärmere reden!« Aber warum warfen diese Leute Ihnen ihr Geld nach? »Weil sie selbst in permanenter Angst vor der Verarmung leben und deshalb immer mehr wollen«, sagt Harksen. »Der Reiche steht morgens auf und hat Angst, dass er sein tolles Haus, seine Mercedes und Flugzeuge, auf die er so schrecklich stolz ist, verlieren könnte. Die Vorstellung abzurutschen ist ihm unerträglich. Und nur vor einem graut ihm noch mehr, nämlich dass sein Nachbar, der genauso reich ist, merken könnte, dass er sich irgendwas nicht mehr leisten kann.« Und Sie selbst, wovon wollen Sie leben, wenn Sie hier rauskommen? »Ich schreibe ein Buch. Titel: Darf’s noch etwas mehr sein, Herr Harksen?« Harksen lacht, und jetzt muss auch der Vollzugsbeamte lachen.

Dass die Anleger sich Harksen hingaben wie die Braut dem Bräutigam, liegt auch daran, dass er alle Register der Hochstapelei zog. Keine Methode der Nasführung, die er ausgelassen hätte. Er bediente virtuos die Stereotype und Klischees, die im Geschäftsleben vermeintlich den Erfolgsmenschen ausmachen: Harksen fuhr Luxusautos und flog im Privatjet. Er ging mit Alphatieren um, deren Rang auf ihn selbst abfärbte. Er empfing mit der Geste des Machers in der Atmosphäre erstklassiger Hotels und demonstrierte mit Geschenken und Partys in London, auf Ibiza und anderswo enorme Großzügigkeit.

Er täuschte seine Opfer mit einem ganzen Arsenal an Gedrucktem, Gestempeltem und Gesiegeltem aus der Fälscherwerkstatt: Kontoauszüge mit achtstelligen Beträgen, Schecks, auf denen die Nullen Schlange standen, tausend Unterlagen, die das Vorhandensein des Investments beweisen sollten. Die Namen international renommierter Wirtschaftsprüfungsinstitute standen im Briefkopf, dicke Stempel aus aller Herren Länder schmückten die Dokumente, tiefrote Wachssiegel prangten auf knisterndem Pergament.

So imposant war die Papierkulisse, dass auch der Kölner Wirtschaftsprüfer Dirk H. auf Harksen hereinfiel und nach der Sichtung von 70000 Seiten ein Gutachten fertigte, in dem er ihm ein »weltweites Nettovermögen« von »1,184 Milliarden DM (in Worten: eine Milliarde und einhundertvierundachtzig Millionen Deutsche Mark)« bescheinigte. Das Gutachten hat seinem Verfasser den Platz auf der Anklagebank beschert und ihn sein gesamtes Vermögen gekostet, weil frustrierte Harksen-Gläubiger sich später an Dirk H. schadlos hielten. Trotzdem gelingt es dem gebeutelten Wirtschaftsprüfer, die Richter davon zu überzeugen, dass er an diese mit Troddeln versehenen Schriftstücke geglaubt habe.

Vom Kaufmann zum Schwindler ist es nur ein kleiner Schritt

Weit wichtiger als der Mummenschanz der Wirtschaftsbetrügerei aber war eine Begabung Harksens, die jeder exzellente Hochstapler von Natur aus mitbringen muss: Er hat den Riecher für das geheime Innenleben seines Gegenübers, den siebten Sinn, der ihn die faulen Stellen, inneren Fallen und intimen Sehnsüchte seiner Opfer erahnen lässt. Dieser Instinkt ließ Harksen ohne Zögern und zu jedem Zeitpunkt exakt die Worte finden, die die Betrogenen hören wollten. Und die wollten Zahlen hören und Summen und Versprechen auf noch längere Zahlen und noch höhere Summen. Harksen tat ihnen den Gefallen: Statt mit Geld überschüttete er sie mit Verheißungen. So wie Eulenspiegel einst nicht mit Gulden, sondern mit dem Klimpern von Gulden bezahlte.

Bankiers und Geschäftsleute gehören – so kann man bei Kriminologen nachlesen – zur leichten Beute von Wirtschaftsbetrügern, weil sich bei ihnen das normalmenschliche Erwerbsstreben oft zur Gewinnsucht gesteigert habe. Ihre Fixierung aufs Geldmachen treibe diese »Gewinngierigen« in kriminelle Machenschaften hinein und zwinge sie dazu, bei der eigenen Selbstschädigung nach Kräften mitzuhelfen. Der Kriminologe Horst Schüler-Springorum schrieb sogar, oft fände sich bei solchen Opfern »eine mehr oder weniger starke latente Disposition zum aktiven Betrüger«. Das bedeutet: Von der Cleverness des Kaufmanns zur betrügerischen Manipulation des Schwindlers ist es nur ein kleiner Schritt. Die Seele des Täters ist der Seele des Opfers im Innersten verschwistert, der Betrüger also nichts anderes als der dunkle Zwilling des Betrogenen.

Deswegen plädieren der Verteidiger Gerhard Strate und Johann Schwenn, der dem Wirtschaftsprüfer H. beisteht, auf Freispruch ihrer Mandanten. Das Strafrecht gewähre den Schwachen Schutz, nicht aber den Sorglosen und Gierigen. »Ist das Betrug, wenn der Betrüger zu seinem Opfer sagt: Ich will dich betrügen, und das Opfer antwortet: Ich glaub es dir nicht?«, fragt Strate in den Saal. Er bezweifle, dass man bei diesem »Investment« überhaupt von Betrug sprechen könne, denn gerade Kaufleute hätten rasch merken müssen, dass hier alles »schlichter Spinnkram« war. Und Johann Schwenn konstatiert, an die Geprellten gewandt, die als entrüstete Zuschauer die Reihen füllen: »Ohne eigenes Verschulden ist Tragik nicht zu haben«, und deshalb sei ihr Schicksal wahrhaft tragisch.

 
Service