falschzeugnis Darf’s noch etwas mehr sein?Seite 5/5
Vom Kaufmann zum Schwindler ist es nur ein kleiner Schritt
Weit wichtiger als der Mummenschanz der Wirtschaftsbetrügerei aber war eine Begabung Harksens, die jeder exzellente Hochstapler von Natur aus mitbringen muss: Er hat den Riecher für das geheime Innenleben seines Gegenübers, den siebten Sinn, der ihn die faulen Stellen, inneren Fallen und intimen Sehnsüchte seiner Opfer erahnen lässt. Dieser Instinkt ließ Harksen ohne Zögern und zu jedem Zeitpunkt exakt die Worte finden, die die Betrogenen hören wollten. Und die wollten Zahlen hören und Summen und Versprechen auf noch längere Zahlen und noch höhere Summen. Harksen tat ihnen den Gefallen: Statt mit Geld überschüttete er sie mit Verheißungen. So wie Eulenspiegel einst nicht mit Gulden, sondern mit dem Klimpern von Gulden bezahlte.
Bankiers und Geschäftsleute gehören – so kann man bei Kriminologen nachlesen – zur leichten Beute von Wirtschaftsbetrügern, weil sich bei ihnen das normalmenschliche Erwerbsstreben oft zur Gewinnsucht gesteigert habe. Ihre Fixierung aufs Geldmachen treibe diese »Gewinngierigen« in kriminelle Machenschaften hinein und zwinge sie dazu, bei der eigenen Selbstschädigung nach Kräften mitzuhelfen. Der Kriminologe Horst Schüler-Springorum schrieb sogar, oft fände sich bei solchen Opfern »eine mehr oder weniger starke latente Disposition zum aktiven Betrüger«. Das bedeutet: Von der Cleverness des Kaufmanns zur betrügerischen Manipulation des Schwindlers ist es nur ein kleiner Schritt. Die Seele des Täters ist der Seele des Opfers im Innersten verschwistert, der Betrüger also nichts anderes als der dunkle Zwilling des Betrogenen.
Deswegen plädieren der Verteidiger Gerhard Strate und Johann Schwenn, der dem Wirtschaftsprüfer H. beisteht, auf Freispruch ihrer Mandanten. Das Strafrecht gewähre den Schwachen Schutz, nicht aber den Sorglosen und Gierigen. »Ist das Betrug, wenn der Betrüger zu seinem Opfer sagt: Ich will dich betrügen, und das Opfer antwortet: Ich glaub es dir nicht?«, fragt Strate in den Saal. Er bezweifle, dass man bei diesem »Investment« überhaupt von Betrug sprechen könne, denn gerade Kaufleute hätten rasch merken müssen, dass hier alles »schlichter Spinnkram« war. Und Johann Schwenn konstatiert, an die Geprellten gewandt, die als entrüstete Zuschauer die Reihen füllen: »Ohne eigenes Verschulden ist Tragik nicht zu haben«, und deshalb sei ihr Schicksal wahrhaft tragisch.
- Datum 16.04.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.04.2003 Nr.17
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