Nach dem Krieg: Wer regiert die Welt? - Der Irak-Krieg ohne UN-Mandat und die Absicht Amerikas, den Nahen und Mittleren Osten neu zu ordnen, werfen drängende Fragen auf. Welche rechtlichen, politischen und institutionellen Grundlagen braucht die neue Weltordnung? Werden allein die USA die Muster der Weltpolitik bestimmen? Wird sich Macht künftig vor allem auf militärische Stärke gründen? Welche Rolle sollen internationales Recht und die UN spielen? In einer Serie wird die ZEIT diesen Fragen nachgehen

Der Krieg im Irak macht deutlich, wie dramatisch sich die amerikanische Außenpolitik nach dem 11. September 2001 verändert hat. Einige der Neokonservativen in George Bushs Regierung hegten zwar schon bei ihrem Amtsantritt Anfang 2001 die Absicht, das irakische Regime zu stürzen. Doch in den ersten acht Regierungsmonaten gelang es ihnen nicht, das Thema ganz oben auf die politische Tagesordnung zu bringen. Erst der 11. September eröffnete ihnen die Chance, ihre Irak-Politik durchzusetzen. Leider führte ihr Drängen dazu, dass Bushs neue Sicherheitsstrategie am falschen Objekt getestet wurde.

Als George W. Bush im Januar 2001 sein Amt antrat, war er auf eine "realistische" Außenpolitik festgelegt. Er wollte sich auf Großmächte wie China und Russland konzentrieren und nicht auf gescheiterte Nationalstaaten in der weniger entwickelten Welt. China galt fortan als "strategischer Konkurrent" und nicht mehr – wie während der Amtszeit Bill Clintons – als der "strategische Partner". Und auch Russland gegenüber nahmen die USA eine unbeugsamere Haltung ein.

Bis zum September 2002 hatte Bushs Regierung eine neue Nationale Sicherheitsstrategie vorgelegt. Sie geht davon aus, dass die Vereinigten Staaten "weniger von Flotten und Armeen bedroht sind als vielmehr von verhängnisvollen Technologien, die in die Hände einiger weniger Verbitterter fallen". Anstelle von strategischer Rivalität "befinden wir großen Mächte der Welt uns heute auf derselben Seite – vereint durch die Gefahr von terroristischer Gewalt und Chaos".

Unter dieser rhetorischen Oberfläche aus Strategiepapieren lebte die traditionelle Weltpolitik natürlich größtenteils fort. Überdies zog ein Teil der Rhetorik breite Kritik auf sich. Das Dokument posaunte die amerikanische Vorrangstellung nur so heraus, statt den alten Rat Teddy Roosevelts zu befolgen: Wer einen großen Stock trägt, sollte sachte laufen. Amerika wird die Nummer eins bleiben, aber das musste man ja nicht jedem unter die Nase reiben. Die neokonservativen Versprechen wiederum, sich im Irak und in anderen Ländern für Demokratie und Freiheit einzusetzen, erschienen manchem Realisten als gefährliche, weil grenzenlose Unterfangen. Die Pläne schienen in der Tradition Woodrow Wilsons zu stehen, entsprangen jedoch nicht der linken, sondern der rechten Hälfte des politischen Spektrums. Dem Bekenntnis zu Kooperation und Koalitionen folgte weder eine gleichwertige Diskussion über die entsprechenden Institutionen noch die Beachtung der Vereinten Nationen. Und der viel kritisierte Anspruch auf ein Recht auf "vorbeugende Selbstverteidigung", auf den pre-emptive strike, konnte je nach Lesart als übliche Form der Selbstverteidigung oder aber als gefährlicher Präzedenzfall aufgefasst werden.

John Lewis Gaddis, der renommierte Historiker der Universität Yale, hat den jüngsten Strategiewechsel mit jener Neudefinition amerikanischer Außenpolitik verglichen, wie sie in den entscheidenden Tagen der vierziger Jahre vollzogen wurde. Das mag übertrieben sein. Doch die neue Strategie reagiert auf jene tief greifenden Entwicklungen in der Weltpolitik, die der 11. September 2001 ans Licht gebracht hat. Die Globalisierung ist mehr als ein wirtschaftliches Phänomen. Durch sie schrumpften die natürlichen Pufferzonen, mit denen Amerika dank der großen Entfernung zu anderen Mächten und zweier Ozeane ausgestattet war. Besonders beunruhigend sind die Auswirkungen dieser Entwicklung auf den Terrorismus.

Viele Europäer weisen zu Recht darauf hin, dass Terrorismus nichts Neues ist. Sie sind jahrzehntelang damit zurechtgekommen, ohne dass ihre Demokratien sonderlich beeinträchtigt worden wären. Mit dem technologischen Fortschritt jedoch haben die Terroristen im Lauf der Jahrzehnte sowohl an Tötungspotenzial als auch an Beweglichkeit gewonnen, und dieser Trend scheint ungebrochen. Im 20. Jahrhundert brauchten böswillige Leute wie Hitler oder Stalin noch die Macht eines Regierungsapparates, um Millionen Menschen zu töten. Verschaffen sich die Terroristen des 21. Jahrhunderts Massenvernichtungswaffen, so steht diese Zerstörungskraft erstmals abtrünnigen Gruppen oder Einzelpersonen zur Verfügung. Diese "Privatisierung des Krieges" bedeutet einen erheblichen Wandel der Weltpolitik. Es steht zu befürchten, das gewisse Abweichlerstaaten wie der Irak oder Nordkorea solche Terroristengruppen unterstützen. Das hat Bush begriffen und in seiner neuen Strategie zum Ausdruck gebracht.

Nicht im Klaren ist sich die amerikanische Regierung hingegen darüber, wie ihre neue Strategie einzuführen ist. Sie zeigte sich tief zerstritten zwischen Neokonservativen und dezidiert imperialistischen Unilateralisten einerseits und den eher multilateral orientierten, bedächtigen, traditionellen Realisten andererseits. Unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September waren zunächst multilaterale Ansätze gefragt. Der amerikanische Kongress bezahlte endlich seine Schulden bei den Vereinten Nationen, und der Präsident schmiedete engagiert an einer internationalen Koalition gegen den Terrorismus. Aus dem raschen Erfolg des Militäreinsatzes in Afghanistan jedoch zogen einige Regierungsmitglieder und Kommentatoren den Schluss, dass Unilateralismus funktioniert. Der Kolumnist der konservativen Washington Post Charles Krauthammer beispielsweise argumentierte, der Erfolg gegen die Taliban-Regierung sei in Wahrheit der Erfolg eines "neuen Unilateralismus" gewesen, bei dem die USA ihre Rolle als "zahmer Weltbürger" abstreiften und unverhohlen ihre eigenen Ziele verfolgten.