Der technische Fortschritt bringt neue Produkte und zerstört die ökonomischen Nischen der überkommenen Produkte. Diese "schöpferische Zerstörung" ist so intendiert. Nicht intendiert dagegen sind die Nebenfolgen. Von ihnen geht die Sage, dass die Urheber der Produkte, die Unternehmen, sie regelmäßig "nicht voraussehen konnten". Ob diese Aussage wahr ist, ist nicht die Frage – jedenfalls ist sie deutlich interessengeleitet. In Deutschland glaubt man den Unternehmen und hat die Haftungsverpflichtung auf diesen Glauben abgestellt. In den Vereinigten Staaten dagegen ist die Haftung für dieses angebliche Unvermögen zukunftsträchtiger und gerechter geregelt – und auch weiser: Menschliche Klugheit beginnt bekanntlich erst da, wo man sich auch das als seine Taten zurechnen lässt, was man nicht wollte.

Die großen Rechtsanwaltskanzleien, die an spektakulären Prozessen schwer verdienen, sind als Lobby in Washington so potent, dass sie die regelmäßigen Versuche der Unternehmenslobby, die Haftung – und damit auch die Welle von Prozessen – zu beschränken, jedes Mal zu torpedieren vermögen. Money makes the world go round kann eben auch anders herum gelten, wenn die Produktion von Schadensersatz zu einer Art Industrie geworden ist.

Gegenwärtig ist in dieser Industrie der Schaden durch Asbest aktuell. Jahrzehntelang wurde Asbest bedenkenlos als Isoliermaterial verwendet, heute lässt seine Opferbilanz die Börsenkurse taumeln. Dass Asbest auch in Europa wieder ein Thema ist, hat viel mit dem Kauf von US-Unternehmen durch europäische Firmen zu tun.

Bei einer Übernahme werden die Bücher des Kandidaten unter hohem Zeitdruck auf verborgene Risiken hin durchkämmt. Diese so genannte due diligence- Prüfung führen Rechtsanwälte und Finanzspezialisten durch, die auf die bei Firmenkäufen typischerweise zu erwartenden Risiken spezialisiert sind – aber eben auch nur auf diese. Gerade in der Spezialisierung, die Risiken erkennen soll, liegt also ein Risiko. Siehe Asbest: Unter Technikern und Umweltschützern seit bald 20 Jahren ein alter Hut, ist Asbest für die due diligence- Spezialisten erst seit kurzem kein Fremdwort mehr. Die Asbest-Haftungsrisiken in den Büchern von Übernahmekandidaten wurden lange Zeit und reihenweise übersehen. Auf insgesamt 250 Milliarden Dollar wird der Schaden durch die neu entdeckten Asbestfälle inzwischen geschätzt – wohlgemerkt nur der, für den zu haften ist. Der kumulierte Schaden durch den bedenkenlosen Einsatz von Asbest ist viel höher.

Der international tätige Kraftwerksbauer Asea Brown Boveri (ABB) zum Beispiel übernahm 1990 die amerikanische Combustion Engineering Inc. – und tappte prompt in die Asbestfalle. Heute beziffert ABB die Anspruchssumme auf 3 Milliarden Dollar. Noch schlimmer erging es Rolf Gerling, dem Chef des gleichnamigen Kölner Versicherungskonzerns. 1998 übernahm Gerling den US-Rückversicherer Constitution Re – und übersah in den Büchern die erheblichen Ansprüche wegen zahlreicher Asbestklagen. Heute kämpft der Gerling-Konzern ums Überleben. Und Rolf Gerling hat das väterliche Vermögen verloren.

Insgesamt 54 Milliarden Dollar haben amerikanische Unternehmen bis Ende 2000 als Schadenersatz an 600000 Asbestgeschädigte gezahlt. Ein Mehrfaches, so eine Untersuchung der Rand Corporation, ist für die Zukunft zu erwarten: Nochmals 200 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Die staatliche Entwicklungshilfe sämtlicher Industriestaaten liegt bei 50 Milliarden Dollar pro Jahr. Die Schäden durch Naturkatastrophen, die materiellen allerdings nur, liegen ebenfalls pro Jahr in der Größenordnung von 50 bis 100 Milliarden Dollar. Das heißt: Produkt- und Umweltrisiken sind Vermögensrisiken existenziellen Ausmaßes. Binden wir sie nicht ein in ein Risikomanagement, welches dem für klassische Finanzrisiken entspricht, werden Unternehmen weiterhin reihenweise in den Abgrund sausen – unintendierte Nebenwirkungen eben.

Wie es beim Umgang mit dem Asbestrisiko als Finanzrisiko anders zugehen kann, hat der Schweizer Industrielle Stephan Schmidheiny vorgemacht. Der hatte ursprünglich ein starkes Standbein in der Baustoffindustrie. Dann begann das deutsche Umweltbundesamt (UBA) in Sachen Asbest zu ermitteln, mit dem Ziel, dessen Einsatz mindestens zu reduzieren – es kam schließlich zu einem Verbot. Schmidheiny berichtete einmal, wie es ihm gelungen ist, sich frühzeitig und deshalb – für ihn – verlustfrei aus seinen Beteiligungen an Asbestminen und weiterverarbeitenden Betrieben zu lösen. Zunächst habe er reagiert wie alle Lobbyisten: mit Abwehr – er sah schließlich seine Produkte und damit seine Unternehmen durch die Umweltschützer in Gefahr gebracht. Doch dann sei ihm eines Tages klar geworden, in welche privilegierte Situation ihn seine frühe Kenntnis der Entwürfe der UBA-Untersuchungen gebracht habe.

Umweltwissen kann, als Wissen über zukünftige Risiken und zukünftige Einschränkungen der Produktpalette, eben eine im positiven Sinne wertbildende Funktion haben – tendenziell allerdings zulasten der "Dummen".