Sofern ein Rückblick auf den Krieg im Irak jetzt schon möglich ist, legt sich dem Betrachter der bestürzende Eindruck nahe, dass es sich nach der westlichen Ideologie um einen profanen Kreuzzug gehandelt hat – gerüstet noch immer mit derselben Pseudotheologie und dem gleichen Missbrauch der Bibel wie vor genau eintausend Jahren. Denn spätestens mit der Klassifikation einiger Länder als "Achse des Bösen" waren die Würfel gefallen. Der Ausdruck wurde hierzulande eher belächelt. Das war ein Missverständnis, denn es steckte blutiger Ernst dahinter, wie sich zeigen sollte. Zunächst und vor allem weckt der richterliche Gestus und Habitus derer bei uns tiefe Widerstände, die sich so offensichtlich als die Guten und andere als die Bösen einschätzen. Hier prallen nicht nur Selbsteinschätzungen, sondern Weltbilder aufeinander.

Die Sprache von "gut" und "böse" verstärkt die Intoleranz

Was zunächst stört, ist die schroffe und gnadenlose Zweiteilung in "wir" und "andere" mit entgegengesetzter Bewertung. Denn dass "andere" als böse bezeichnet werden, setzt voraus, dass sich die Sprecher als "gut" betrachten. Schon diese dualistische Bewertung weckt Erinnerungen an den endzeitlichen Kampf zwischen guten und bösen Mächten, also an den Kampf Michaels gegen Satan. Die Bibel schildert diesen Kampf durchaus in militärischen Bildern, doch nimmt sie Menschen davon eben gerade aus. Denn für die Menschen gilt jetzt und bis zum Ende der Zeiten das Grau in Grau und nach dem ganzen Neuen Testament ein Gewaltverzicht ohne Wenn und Aber.

Alles andere, jede Art von Absolutheit, ist überdies unverträglich mit dem Grundton des "toleranten Miteinanders", das sich als generelle Regel des Zusammenlebens in der westlich bestimmten zivilisierten Welt und darüber hinaus entwickelt hat. Für diese zerbrechliche Globalität ist jeder Dualismus, der in Schwarz und Weiß einteilt, ebenso peinlich wie tödlich. Er isoliert den, der diesen Standpunkt vertritt, und stört die Konsensgesellschaft. Gerade in den Protesten zum Irak-Krieg hat diese weltweite Einigkeit, die von Indonesien über China bis nach Mexiko reicht, neue Gestalt gewonnen. So wahr es ist, dass hier unterschiedlichste Interessen zusammenfließen, und so sicher auch gilt, dass die allgemeine postmoderne Toleranz weder Kultur noch Standpunkt ersetzen kann, so sehr muss doch gelten, dass absolute Einstufungen, insbesondere moralischer Art, bestenfalls lächerlich wirken.

Es ist die Rhetorik von "gut" und "böse", verteilt auf lebende Menschen, die uns als hohl erscheint, geboren aus blinder Selbstüberschätzung und auf dem Wege zu den archaischen Folgen jeder ideologisierten Intoleranz, nämlich zu Mord und Totschlag. Dabei stammt das Pathos dieser Rhetorik, wie zu Recht angenommen, aus verdrehter religiöser Selbsteinschätzung. Da deren Ursprung zweifellos christlich ist, wird diese "neue" ideologische Verwendung dem Christentum mit Sicherheit schaden. Doch der offensichtliche Mangel an Demut, verbunden mit Gewaltbereitschaft, lässt erhebliche Zweifel aufkommen, als gehe es hier um eine genuine und legitime Ausgabe des Christentums.

Die Ursprünge dieser Sichtweise sind zunächst unpolemisch darzustellen. Sie reichen tief in das Christentum zurück, beruhen aber auf einer schwerwiegenden Fehldeutung. Zum einen haben schon bald nach dem Auftreten des Islams christliche apokryphe Apokalypsen, also neu verfertigte Schriften über das Ende der Zeiten, Mohammed und den Islam als Verkörperung des Antichristen, des absolut Bösen am Ende der Zeiten, gesehen. Zum anderen aber, und das ist hier die wichtigere Linie, übernahmen viele der christlichen Gruppen, die die neue Welt besiedelten, aus der radikalen englischen Reformation das Bewusstsein der Auserwählung. Als Gruppe der Auserwählten haben solche Christen die besseren Institutionen (Gesetz, Verfassung). Was für Juden einstmals das Gesetz als Basis für den Stolz auf das Auserwähltsein war, das ist im militanten Protestantismus eine extrem harte Ausgabe von Verfassungspatriotismus geworden. Die Hochschätzung des Gesetzes und der zivilen Ordnung im Calvinismus trägt beträchtlich dazu bei, diese Ordnung missionarisch als das Heilmittel zu verwenden, an dem die Welt genesen soll.

Dass man in die Weltgeschichte gewaltsam eingreifen kann, diese Annahme beruht auf einer seit den Kreuzzügen üblichen Missdeutung der Offenbarung des Johannes, Kapitel 20. Dort ist nach Ablauf des Reiches der tausend Jahre davon die Rede, Gog und Magog würden die heilige Stadt Jerusalem bedrohen. Dann kommt nach einer "Völkerschlacht" das Gericht. Zur Zeit der Kreuzzüge hat man die Angabe der tausend Jahre wörtlich verstanden und sich zur Rettung Jerusalems aufgemacht. Doch in der Offenbarung des Johannes steht mit keinem Wort etwas von christlichen Hilfstruppen beim Ansturm der gottlosen Völkerscharen gegen Jerusalem. Diese hat man schon zu Beginn der Kreuzzüge in einer grandiosen Fehldeutung hinzugefügt. So entstanden die Kreuzzüge. Präsident Ronald Reagan sagte gleich zu Beginn seiner Amtszeit, wir seien die Generation, "auf die die Sache mit Gog und Magog zukomme". Doch mit einem grundsätzlich auf das Ende der Welt ausgerichteten Verständnis von Geschichte ist eine strikte Zweiteilung von Guten und Bösen in Sichtweite. Die Guten fassen sich als Hilfstruppen des Gerichtes Gottes auf. Der Schauplatz ist der Vordere Orient, vor allem Jerusalem. Die Guten können der Welt das Licht des wahren Gesetzes bringen.

Auch dies ist eine eklatante Fehldeutung. Den Christen der Offenbarung des Johannes ist jede Gewalt untersagt. Und dagegen, dass ich eine Gruppe als "die Gerechten" bezeichnen und andere namentlich als die Bösen qualifizieren darf, wendet sich die generelle biblische Aussage, dass alle Menschen Sünder sind und es nicht einen Gerechten gibt. Insbesondere das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen in Matthäus 13,24–30 mahnt dazu, keine Scheidung von Guten und Bösen vorzunehmen, sondern das Böse und die Bösen auszuhalten. Denn böse zu sein, das ist jeweils nicht eine Gefahr für die jeweils anderen, sondern für die Christen selbst, wie die Schlussbitte des Vaterunsers zeigt ("Führe uns vorbei an der Versuchung, befreie uns vielmehr von dem Bösen").