Familienleben muss einfacher werden! Kinder brauchen eine gute Bildung. Und kleine Kinder eine extragroße Förderung! Die neuen Glaubenssätze der modernen Gesellschaft (die ein halbes Jahrhundert brauchten, um sich durchzusetzen) kann mittlerweile jedes I-Dötzchen der Republik herunterbeten. Nur bei den Großen dauert der Lernprozess erfahrungsgemäß immer länger, wie sich letzte Woche wieder zeigte, als die Bürgerschaft der Hansestadt Hamburg ein neues Kindertagesstättengesetz beschloss.

In Zukunft werden Eltern keinen festen Platz mehr in einer Einrichtung erhalten, sondern Gutscheine für eine gewisse Zahl an Betreuungsstunden ihrer Kinder, die sie in einer Kita ihrer Wahl einlösen können. Die Zauberworte heißen: Nachfragemacht der Kunden! Selbstverantwortung stärken! – und sie sind bekannt, seit andere Güter des Gemeinwesens wie Strom oder Post zu Markte getragen wurden. Wie sich so was auf Bildung auswirkt, war schon vor der Abstimmung klar: Alle Ganztagskinder haben bis auf weiteres ihren Platz verloren. Ob er ihnen nach dem neuen Verfahren wieder bewilligt wird und mit wie vielen Stunden, steht in den Sternen. Die Akten von Zehntausenden von Kindern stapeln sich unbearbeitet auf den Schreibtischen überlasteter Sachbearbeiterinnen, die Nerven von arbeitssuchenden Eltern, Alleinerziehenden, eingewanderten Familien liegen blank.

Wird durch so viel Chaos wenigstens etwas gewonnen? Gibt es einen Schub, der die neu verwalteten Kindergärten endlich in jene Stätten des kreativen Lernens verwandelt, in denen sie durch hoch qualifizierte Erzieher gefördert werden? Bekommen die Kinder nun die 18000 Plätze, die fehlen? Keineswegs. Die Kita-Card ist ein Sparmodell, entwickelt vor Jahren von Ökonomen, die nicht begriffen haben, dass Geld für Bildung eine Investition ist und kein lästiger Kostenfaktor.

Eltern wird eine "Nachfragemacht" vorgegaukelt, aber man demütigt sie zu Bittstellern, die um jede Betreuungsstunde feilschen müssen. Ihre Kinder sind Betreuungsverschiebemasse, die schon ihren Platz verlieren, wenn ein Geschwisterkind kommt. Das Schlimmste aber ist: Eine Kommune hat, wieder einmal, die Chance verpasst zu sagen: Dies ist die Familienhauptstadt der Republik! Und schon heute fliehen junge Familien jedes Jahr zu Tausenden aus der angeblich so "pulsierenden Metropole".