Hinterher lässt sich leicht sagen, andere Angebote seien attraktiver gewesen. Doch das Votum für Leipzig als deutschen Kandidaten für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2012 darf schon jetzt nicht nur als eine glückliche, sondern auch als glückhafte Entscheidung gelten. Jede andere Option hätte das hervorgetrieben, was auch zum deutschen Föderalismus gehört: Neid und Missgunst. Leipzig hingegen macht es der Nation leicht, sich mit der Wahl zu identifizieren. Sie bleibt eine überzeugende Geste auch dann, wenn sie der trüben Taktik der Sportfunktionäre entsprang.

Sicherlich zählt bei der Olympiabewerbung der wirtschaftliche Impuls für den Osten, der das bringen könnte, was der Aufbau Ost bislang nicht vermittelt hat: den Glauben an die Konkurrenzfähigkeit mit dem Westen. Aber so platt sollte die Geste nicht verstanden werden. Die Olympiabewerbung ist keine sportpolitische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, genauso wenig, wie Leipzig für den ABM-Osten steht. Die Stadt hat die Vereinigung und die Freiheit immer als Öffnung zur Welt und als Auftrag zum Erfolg verstanden. Sie hat sich weder der DDR-Ostalgie hingegeben noch der Wehmut an die Zeit der Runden Tische.

Die friedliche Revolution hieß für Leipzig vor allem Renaissance der eigenen Stadt, Wiederbelebung städtischer Traditionen, wozu auch die 140-jährige Sporttradition zählt. Die Stadt kann sich auf die Geschichte der Turnfeste berufen und auf ihre kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit als Kader- und Medaillenschmiede des DDR-Sports verweisen.

Erneuerung, gelingende Transformation und Öffnung zur Welt, das sind keine schlechten Formeln für den olympischen Geist, der nun beschworen wird.

Leipzig steht damit näher zu Tallinn oder Budapest als etwa zu Magdeburg.

Leipzigs Slogan - die Bürgerstadt als olympisches Dorf - drückt aus, was jetzt schon vorstellbar ist. Sie bietet nicht nur "kurze Wege" für Sportler und Zuschauer, sondern eben auch die Flanierstraßen einer selbstbewussten Stadtkultur. So hat Leipzig tatsächlich als einzige der fünf deutschen Städte eine reale Chance gegen die übermächtige Konkurrenz von Rio, New York oder Paris. Sie bietet neben einer begeisterungsfähigen Bevölkerung, neben dem Charme und der erprobten Bequemlichkeit einer alten Handelsmetropole auch jenen Hauch einer geschichtsphilosophischen Weihe, die das Internationale Olympische Komitee in seiner Sehnsucht nach Höherem durchaus bestechen könnte.