Wenn es heute manchen deutschen Kreditinstituten nicht gut geht, so ist dies zum großen Teil ihre eigene Schuld. Sie haben zu viel in Aktien investiert. Sie haben die inzwischen zerplatzte Blase der Aktienspekulation selbst angeheizt. Sie haben sich am weltweiten merger and acquisitions -Zirkus munter beteiligt. Sie haben bei vielen Großkrediten die Situation und die Bonität des Kreditnehmers nicht sorgfältig genug geprüft. Sie haben versagt.

Viele deutsche Geldinstitute leisten sich immer noch eine viel zu teure Kostenstruktur. Im Schnitt liegt ihre Ertragsstärke ziemlich niedrig. Natürlich rangieren einige gut oberhalb des Durchschnitts – so wie die Deutsche Bank oder die Hamburger Sparkasse, die größte deutsche Sparkasse. Andere jedoch liegen weit unter dem Durchschnitt und erscheinen als gefährdet – und dies keineswegs bloß in Berlin, wo die gleichnamige Bankgesellschaft um ihre Zukunft ringt.

Vorgänge wie Schneider, Holzmann, Babcock oder Kirch erinnern mich an Favag oder an Nordwolle und an die Darmstädter und Nationalbank – noch vor Beginn der Nazi-Zeit. Josef Ackermann, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, hat vor einigen Tagen dem Handelsblatt gesagt, weder von einer Liquiditätskrise noch von Unterkapitalisierung des deutschen Bankensystems könne die Rede sein, wohl aber von einer Ertragskrise, die über Jahre hinweg zu Bilanzproblemen führen könne. Ich gehe davon aus, dass der Chief Executive des größten deutschen Geldhauses für den Durchschnitt durchaus Recht hat. Aber mich bekümmern einige sehr unter durchschnittliche Fälle! "Wir unterstützen alle Bemühungen … dass die Situation auch im schlimmsten Fall aufgefangen werden kann", hat Josef Ackermann hinzugefügt. Es waren diese Worte, die mich sowohl an 1931 erinnert haben als auch an den Herstatt-Fall und an die seinerzeitige Schaffung des Sicherungsfonds, die ich vier Jahrzehnte später als Bundesfinanzminister miterlebt habe.

Ich will genauso wenig schwarz malen, wie Josef Ackermann das gewollt hat. Die heutige Situation ist aus mehreren Gründen mit jener von 1931 nicht vergleichbar. Sie ist auch nicht vergleichbar mit der seit Jahren bedrohlichen Situation der japanischen Finanzinstitute. Eine Mahnung aber, die sich aus jenen beiden notorischen Finanzkrisen für die Gegenwart ergibt, will ich doch aussprechen: Die Spitzen des Bankgewerbes, das Finanzministerium, die Bundesbank und die Aufsichtsbehörde müssen im engen Kontakt miteinander sein. Denn sie müssen in einem Notfall schnell und in enger Zusammenarbeit handeln. Keineswegs wäre allein der Staat gefragt. Und alle müssen notabene wissen, dass deflationistisches Handeln die generelle Lage nur noch verschlechtern würde. Zum Beispiel darf Basel II nicht zum Vorwand für ein Aushungern des mittelständischen Gewerbes werden. Genau dies aber ist in einigen deutschen Banken derzeit der Fall. Für manchen mittelständischen Kunden ist das fatal.

Weit über das Bankgewerbe hinaus können wir uns mit unserer wirtschaftlichen Entwicklung seit 1996 nicht zufrieden geben. Immer noch, nun schon seit Mitte der neunziger Jahre, leiden wir unter einer Massenarbeitslosigkeit von offiziell mehr als vier Millionen Menschen. Immer noch ist die Arbeitslosigkeit im Osten doppelt so hoch wie im Westen. Deshalb brauchen die östlichen Länder einen bundesgesetzlich zu ermöglichenden weitreichenden Deregulierungsspielraum – und diesen keineswegs allein für den Arbeitsmarkt! – und außerdem eine spürbare Mehrwertsteuer-Präferenz für ostdeutsche Wertschöpfung.

In einer allgemein rezessiv gestimmten Wirtschaft, mit unklaren politischen und weltwirtschaftlichen Konsequenzen des Irak-Krieges vor Augen, mit immer noch unzureichenden Konzepten der Regierung wie ganz genauso der Opposition, in einer Lage, in der manche Bilanzen und manche Testate sich als unzuverlässig erweisen, in der viele Prognosen sich als Irrtümer herausstellen, in solcher Lage bedürfen wir dringend einer klarsichtigen Führung. Zur Führung können – und müssen ! – aber auch die Vorstände der deutschen Banken hörbar und sichtbar beitragen.

Es wäre gut, wenn jetzt in der deutschen Kreditwirtschaft wieder Ruhe einkehrte. Es wäre gut, wenn jetzt alle Mitarbeiter zur Normalität des Geschäftes zurückfänden. Noch besser wäre es, wenn statt der Karrieren großsprecherischer Börsianer und Investmentbanker jetzt wieder die Solidität von gelernten und erfahrenen Bankkaufleuten zum Vorbild würde.