Für die Gastdirigenten im Amsterdamer Concertgebouw führt der Weg auf die Bühne durch eine hohe Tür und über eine lange Treppe. Über der Tür steht in goldenen Lettern der Name "Bach", auf den Treppenstufen liegt ein roter Teppich. Ein Auftritt wie aus dem Fürstenhimmel, ein Regent schwebt herein, um sich der schönsten Muße auf Erden zuzuwenden. Gleich, denkt man, wird auch Philippe Herreweghe dieses Entree wählen, um Bachs Johannes-Passion zu leiten, da wäre es doppelt sinnig, wenn er direkt vom Komponisten käme, wie vom Briefing im Chefzimmer, um der Welt neue und authentische Erkenntnisse zu bringen.

Tatsächlich kommt der 54-jährige Flame mit seinen Musikerkollegen aus den Katakomben des Hauses. Bescheidene Haltung, schneller Schritt, keine Pose für die Galerie, kein Taktstock, allein die Hände müssen es richten. Es geht um Allergrößtes, um Allerschwierigstes; die Johannes-Passion ist gefürchtet wegen ihrer erregenden Dramatik, ihrer tückischen Gestaltwechsel, der Gefahr von Wackelkontakten. Dabei ist Herreweghe seinem Bach Jahr um Jahr begegnet, empfänglich und selbstbewusst. Bach ist sein Gesetz, seine Seelenspeise und sein Donnerwort, seit er vor 33 Jahren das Collegium Vocale Gent gründete, mit dem Herreweghe derzeit als einer der überragenden Bach-Interpreten gilt. Mit vielen internationalen Schallplattenpreisen wurden die Belgier ausgezeichnet, bei ihnen klingt historische Aufführungspraxis nie nach trockenem Brot, sondern nach duftendem Gebäck.

Schon früh hatten die Altmeister Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt den jungen Dirigenten Herreweghe ins Boot ihres umfassenden Projekts aller Bach-Kantaten geholt, und seitdem ist Bach eine Heimat, in die er immer wieder zurückkehren muss, ganz ergebenster und treuer Diener. Diese Anhänglichkeit äußert sich bei Herreweghe, der auch schon die Berliner und Wiener Philharmoniker dirigiert hat, nicht in kindlich-rituellem Automatismus, sondern in erhöhter Reflexion und Selbstkritik. So rief er vor einiger Zeit zur Generalrevision und ließ seinen Aufnahmen der beiden großen Passionen aus den achtziger Jahren eine neue Generation folgen.

"Große Musiker erkennt man an ihrer unerschöpflichen Neugier"

Die Entscheidung kam nicht aus dem Bauch. "Ich habe mit Matthäus und Johannes mittlerweile Abertausende Kilometer von Rezitativen, Arien und Chorälen zurückgelegt", erzählt Marathonmann Herreweghe, "und auf diesen Strecken dringt man immer tiefer in die Materie ein, weil man beim Hören so unbarmherzig zum Nachdenken gezwungen wird." Klang Herreweghes Bach früher nervöser und spekulativer im Detail, so strömt er heute gesanglich in der Linie – nicht lässiger, aber gelassener, geordnet von einem Musiker, der keinen Beweiszwang mehr verspürt.

Heute, in Amsterdam, liegen die Dinge ein bisschen anders. Da sitzt Herreweghe im Keller bei den Musikern, debattiert mit ihnen über letzte Continuo-Details, präzisiert hier eine Flöten-Artikulation, dort eine Geigenstimme. Zwar hat Herreweghe sein Collegium Vocale dabei, 24 liebe Kinder und Kegel – doch auf dem Plakat steht auch, dass das Koninklijk Concertgebouworkest spielt.

Da sind die Nerven gespannter, denn das königliche Amsterdamer Orchester ist zwar eins der besten der Welt, doch spielt es weder auf Darmsaiten noch auf Traversflöten. Es ist auf den Bergeshöhen der Hochsymphonik daheim, berühmt für seinen Mahler und Bruckner, geschult durch konzentrierte Arbeit in den Laboratorien des 20. Jahrhunderts. Aber wie oft sitzen seine Musiker in Bachs Kirchenbank?

Herreweghe hat in den vier Proben nicht den Reproduktionstechniker spielen und die Streicher nicht kasteien müssen, um eine stilistisch akzeptable Bogenführung und ein differenziertes Vibrato zu erzielen. Die Musiker kamen ihm so zutraulich und kompetent entgegen, als hätten sie nie etwas anderes gespielt als Bach. "Das unterscheidet eben die wirklich guten von den Mittelklasse-Orchestern", sagt Herreweghe, "die Könner sind neugierig und offen. Bei den anderen erlebt man oft Borniertheit."