Und weil die Generalprobe so wunderbar läuft, kann Herreweghe hernach im Gespräch ohne Umschweife an einem Tabu des zeitgenössischen Musikbetriebs kratzen: "Ich halte alte Instrumente bei Bach für gar nicht so entscheidend, da sind Text und Struktur wichtiger als das klangliche Kleid. Rameau und überhaupt die Franzosen würde ich hingegen nie mit modernen Instrumenten machen, denn da ist die Klangfarbe entscheidend für die Schönheit."

Herreweghe ist sich sicher, dass die Qualität der Bachschen Musik in jeder instrumentalen Textilie leuchtet, denn merke: "Bachs Konzeptionen sind unglaublich gesund und tief, er hat überhaupt nichts Autistisches. Er ist eine Quelle reinen Wassers." Das sagt ein Mann, der vom Autismus etwas versteht, denn während seiner frühen Jahre mit dem Collegium Vocale Gent studierte Philippe Herreweghe Medizin und arbeitete drei Jahre im Krankenhaus als Psychiater – bis ihn die Musik endgültig einholte und ergriff.

Die zweite Überraschung des Abends steht in etwas kleineren Lettern auf dem Plakat: "Fassung von 1725". Mancher Bach-Enthusiast im Publikum hat das übersehen, es erwischt ihn kalt. Wer sich schon auf den düster brodelnden Eingangschor Herr, unser Herrscher gefreut hat, muss mit O Mensch, bewein dein Sünde groß umdenken. Gehört der nicht in die Matthäus-Passion? In der Tat, Bach hat ihn vier Jahre später dem größeren Werk eingegliedert, doch ursprünglich eröffnete er die Zweitfassung der Johannes-Passion. Im Laufe des Abends beginnen viele Amsterdamer Musikfreunde, die ihre Noten mitgebracht haben, um ihr privates Versenkungswerk lesend zu begleiten, aufgeregt zu blättern, um womöglich im Anhang ihres Klavierauszugs fündig zu werden: Drei Arien und ein Schlusschoral sind ausgetauscht, dazu etliches Kleingedrucktes in den ersten Rezitativen und Arien mit unerwarteten Wendungen, überraschenden Kadenzen.

Herreweghe hat diese Version auch in seiner Neuaufnahme der Johannes-Passion (harmonia mundi 901748.49) nicht etwa angesetzt, um die Bach-Gemeinde zu irritieren, sondern um ihr zu zeigen, dass einer wie Bach "das Wohnzimmer manchmal komplett umräumt oder neu einrichtet". Hat man sich erst einmal ans Mobiliar gewöhnt, möchte man es so bald nicht missen. Fulminant blitzend die Bass-Arie Himmel reiße, Welt erbebe, aus der Bach ein Konzertstück für das solistische Violoncello macht, über das sich der ätherische Sopran-Choral Jesu, deine Passion wölbt. Anspringende Streicherattacken vernimmt man in der Tenor-Arie Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel, und ein Schlangennest mit zwei chromatisch getriebenen Oboen tut sich in der zweiten Tenor-Nummer Ach windet euch nicht so, geplagte Seelen auf. Nur dass er den süß-österlichen Schlusschoral Ach Herr, lass dein lieb Engelein für das archaisch-herbe Christe, du Lamm Gottes opfern muss, kratzt ein wenig am elementaren Rührungsbedürfnis des eingefleischten Liebhabers, der die traditionelle (spätere) Gestalt der Johannes-Passion im Ohr hat.

Die theologische Ausrichtung des Werks sieht Herreweghe auch in der frühen 1725er-Fassung unangetastet: "In der Passion des Johannes leidet Jesus nicht, er herrscht wie ein König. Und wenn er sagt ,Es ist vollbracht‘, dann hat das eine positive Dimension. Es klingt wie ,Ich habe es gemacht‘ und ein bisschen wie Ché Guevara."

Wenn Herreweghe solche Vergleiche zieht, guckt er sehr streng, nicht wie ein Schelm, der einen metaphorischen Versuchsballon steigen lässt. Für den Flamen ist dieser johanneische Jesus eine kraftvolle Figur. Deshalb achtet er fast kleinlich darauf, dass der prächtige Michael Volle, der in Amsterdam wie auf der CD den Christus singt, sich keine sentimentale Aufweichung gestattet. Volle ist eine imperiale vox christi, die bei 32stel-Noten nicht schleppt, sondern immense Beweglichkeit entwickelt. Und das ist keine wohlfeile Auslegung Herreweghes, es steht so in den Noten: "Andere verteidigen ihre interpretatorische Freiheit, aber das ist nur falsche Routine. Ich verteidige die Partitur."

Trotzdem gibt es Ermessenspielräume, die Philippe Herreweghe nutzt, weil er nichts mehr hasst, als akustisch identische Klone in die Welt zu setzen. Im konzertanten Ernstfall ist Herreweghe an manchen Stellen deutlich rascher als bei der Studioaufnahme. Dort ist der Turbachor Bist du nicht seiner Jünger einer? Ausdruck zart-skeptischer Verwunderung. Im Amsterdamer Live-Ereignis macht sich die Frage der Menge höchst drängend und zischend Luft. Als wir hernach darüber reden, lächelt Herre-weghe fast entschuldigend: "Die Gefahr bei meinem Genter Chor ist für mich, dass er so virtuos ist und wirklich jedes Tempo singen kann. Ich habe auch gemerkt, wie flott das plötzlich war."