Das ewig Geistliche zieht diesen Dirigenten hinan

Der Vorwurf mancher Bach-Kenner und Kritiker der jüngsten CD-Produktion, dass Herreweghe die Passion beinahe paradiesisch schön und behaglich ausbreite, läuft jedenfalls an diesem Abend ins Leere. Bestürzend die knirschende Dynamik der Kreuzige- Chöre, wo die Dissonanzen und harmonischen Querstände wie Nägel ins Fleisch der Musik getrieben scheinen, ergreifend innig die von Annette Markert fabelhaft intensiv gesungene Alt-Arie Es ist vollbracht. Wie stets von erlesener Strahlkraft und Nuancierungskunst in den Chorälen: das Collegium Vocale Gent mit seinen vogelgleichen Sopranen, seinem exquisiten Alt, seinem elastischen Tenor, seinem diskreten Bass. Und das Koninklijk Concertgebouworkest klingt tatsächlich, als beschäftige es lauter Alte-Musik-Experten. Kein Wunder, Harnoncourt war hier oft zu Gast, "Klangrede" ist in Amsterdam keine hässliche Vokabel aus der Spieltheorie.

Stille in der Welt jenseits von Bach? Mitnichten, Herreweghes musikalisches Spektrum ist extrem breit, von Josquin Desprez bis Kurt Weill, von Claudio Monteverdi bis Arnold Schönberg hat er schon aufgenommen, stets bei der französischen Firma harmonia mundi, soeben hat er eine Tournee mit Berlioz’ Symphonie fantastique absolviert ("im Vergleich zu Bachs Ratio ein total chaotisches Klangbild"), demnächst wird er Bruckner-Symphonien mit dem Orchestre des Champs Élysées einspielen. Sein Traum ist Strawinskijs Psalmensinfonie: "Strawinskij schwebte da der unschuldige Klang von Kinderstimmen vor, dieses Timbre möchte ich unbedingt erreichen."

Fürwahr, das ewig Geistliche zieht ihn hinan, den leidenschaftlichen Chormeister Herreweghe. So stark ist er in diesen spirituellen Welten verhaftet, dass er sein Haus im toskanischen Siena immer wieder Richtung Gent verlassen muss – wo hinter allen Treppen und Türen gottlob der alte, aber sehr gesunde und tiefe Herr Bach auf ihn wartet.