Ausgerechnet der erfahrene Notenbanker Wim Duisenberg patzt, als er über die Lage der Weltwirtschaft doziert. Die Zinsen, sagt der Präsident der Europäischen Zentralbank, seien so niedrig wie noch nie "seit dem Krieg". Dann stutzt er. Und schiebt, um jegliches Missverständnis auszuschließen, schnell hinterher: "Ich meine den Zweiten Weltkrieg."

"Krieg" ist das Unwort der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank. Alle reden über den Krieg im Irak, aber keiner spricht das Wort offen aus. Jean-Louis Sarbib, der für den Nahen Osten zuständige Vizepräsident der Weltbank, redet wolkig "von den Ereignissen, die zu der gegenwärtigen Situation geführt haben". Auch die Finanzminister der mächtigen G 7, der Gruppe der großen Industrieländer, sprechen in ihrem Kommunique von den "vielen Herausforderungen", vor denen die Weltwirtschaft stehe – und meinen damit vor allem die Folgen des Feldzugs der Amerikaner und ihrer Verbündeten.

Washington am vergangenen Wochenende: Zum ersten Mal seit Ausbruch des Irak-Kriegs treffen die Finanzchefs aus der Koalition der Willigen direkt auf ihre Kollegen aus jenen Staaten, die sich dem Militäreinsatz widersetzt haben. Doch Finanzminister sind "nüchtern strukturierte Menschen", wie der Deutsche Hans Eichel sagt. Sie betonen vor allem Gemeinsamkeiten, demonstrieren trotz gegensätzlicher Standpunkte Harmonie. Eine Begegnung zwischen dem Amerikaner John Snow und dem Franzosen Francis Mer beschreibt ein Sprecher des US-Finanzministeriums sogar als "äußerst herzlich". Hans Eichel ist sich sicher: "Die Amerikaner wollen wieder mit uns."

Dass sich Kriegsgegner und -befürworter in Washington am Ende darauf verständigen, die Weltbank und den IWF beim wirtschaftlichen Wiederaufbau des Iraks einzuschalten, entspricht den Interessen aller Beteiligten: Die Amerikaner wollen nicht allein bezahlen, und die anderen wollen nicht alles den Vereinigten Staaten überlassen.

Mehr als 100 Milliarden Dollar betragen die staatlichen Schulden des Iraks, der seit dem Golfkrieg die Zahlungen eingestellt hat. Die Verzugszinsen sind da schon eingerechnet. Nicht berücksichtigt sind die Reparationsforderungen Kuwaits oder des Irans wegen des irakisch-iranischen Kriegs. Doch bei der Frage, wie mit diesen alten Schulden umgegangen werden soll, reicht es in Washington gerade mal zu einem Formelkompromiss: Das Problem solle der Pariser Club lösen – jener Zirkel der Gläubigerstaaten, der mit Ländern verhandelt, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Damit wird die Lösung eines drängenden Problems auf die lange Bank geschoben. Ohne Umschuldung ist der Irak weder bei staatlichen Geldgebern noch bei Weltbank, IWF oder den internationalen Finanzmärkten hoffähig.

Bereits vor Beginn der Konferenz hatte die US-Regierung unmissverständlich ihre Linie klar gemacht: Die Gläubiger sollten dem Irak seine Schulden erlassen. Frankreich, Deutschland und Russland sollten das Geld abschreiben, "das sie dem Diktator geliehen haben, mit dem der Waffen kaufen und Paläste bauen konnte", drängte der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz. Offenkundig übersah er, dass die USA neben Deutschland der drittgrößte Gläubigerstaat des Iraks sind, nach Russland und Japan. Folglich müsste Washington, wie Eichels Beamte in einem Vermerk festgehalten haben, bei Schuldenerleichterungen im Pariser Club einen "fast ebenso großen Beitrag leisten" wie Berlin.

Besonders teuer würde ein Streichen der Schulden für die Russen, und zwar nicht nur, weil auf sie der Löwenanteil von fast 42 Prozent aller Kredite gegenüber dem Pariser Club entfällt. Als Russland 1997 dem Club beitrat, musste es sich – zusätzlich zu etwaigen Umschuldungen – prophylaktisch zu einem Vorab-Erlass von 65 Prozent der Forderungen gegenüber dem Irak verpflichten. Der Grund: Die Russen hatten Saddam Hussein vor allem Rüstungsgüter auf Pump geliefert.

Über einen Schuldenerlass mag daher kaum jemand ernsthaft reden. "Gewiss verdient der Irak unsere Aufmerksamkeit", sagt der französische Finanzminister Francis Mer, "aber das gilt auch für ein Land wie Niger. Wir sollten nicht vergessen, dass es viele andere Länder gibt." Die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hält es sogar für eine "Absurdität", jetzt dem Irak Schulden zu streichen. In diesem Punkt ist sie sich mit Eichel einig. Die vier Milliarden Euro, die der Irak dem deutschen Staat schuldet, will der klamme Berliner Kassenchef keinesfalls abschreiben. Zu mehr als einer großzügigen Stundung ist er nicht bereit.