die zeit: Fast jährlich erreichen uns Meldungen von Hungerkatastrophen aus Afrika. Liegt das nur am ungünstigen Klima?

Stephan Klingebiel: Ganz sicher nicht. Da gibt es eine Menge struktureller Ursachen. In vielen Ländern Afrikas werden positive Entwicklungen durch Kriege blockiert oder ganz zunichte gemacht, wie etwa durch den Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien vor ein paar Jahren oder momentan gerade in der Elfenbeinküste, einem Land, das als Hoffnungsträger der Region galt. Zudem findet in etlichen Krisenherden wie etwa im Kongo oder in Angola ein ungeheurer Ressourcenraubbau statt. Aber selbst dort, wo keine Kriege herrschen, zerfallen außerhalb der Hauptstädte viele Staaten, was sich gravierend auf die Wirtschaft auswirkt. Missmanagement und Korruption sind ein weiteres großes Problem. Simbabwe steht dafür beispielhaft. Vor kurzem noch Nahrungsmittelexporteur, ist das Land durch die verheerende Regierungspolitik nun zum Empfänger von Nahrungsmittelhilfe geworden. Auch die Transportsysteme funktionieren in weiten Teilen des Kontinentes nicht. Ernteüberschüsse von einer Region in die andere zu bringen, ist sehr teuer. Die reichen Industrieländer tragen allerdings an mancher Notsituation mit Schuld, gerade im Landwirtschaftssektor. Billig importierte, hoch subventionierte Nahrungsmittel – oft aus Europa – halten die Erzeugerpreise afrikanischer Bauern extrem niedrig und zerstören lokale Märkte.

zeit: Sie sprachen die Korruption an. Erreichen die Hilfslieferungen und Hilfsgelder immer die Bedürftigen?

Klingebiel: Korruption und Zweckentfremdung sind ernsthafte Probleme. Da wurden in Einzelfällen auch gravierende Fehler begangen. Beispielsweise wurden mit deutschen Entwicklungshilfegeldern in der Vergangenheit in Kenia und Ruanda Ansiedlungsprojekte mitfinanziert, die konfliktverschärfend wirkten. Regierungen gelingt es zum Teil, sich an Hilfsprogrammen zu bereichern. Doch daraus hat man Konsequenzen gezogen. Organisationen wie Transparency International, die sich dezidiert mit Korruption beschäftigen, haben dazu viel beigetragen. So wurden Kontrollinstitutionen wie Rechnungshöfe in Entwicklungsländern aufgebaut und Parlamente, Kontrollgremien und Mitbestimmungsrechte der Bevölkerung gestärkt.

zeit: In den letzten Jahren hat der Anteil der Katastrophenhilfe gegenüber der längerfristigen Entwicklungshilfe stark zugenommen. Wie beurteilen Sie das?

Klingebiel: Durch die Kriege im Irak, in Somalia, im ehemaligen Jugoslawien und in Afghanistan hatten und haben wir im letzten Jahrzehnt einen immer stärkeren Bedarf an kurzfristiger Nothilfe. Man kann sich diesen sehr drängenden Problemen selbstverständlich nicht verschließen. Dennoch ist der Trend sehr problematisch, weil dadurch immer weniger Geld in mittel- und langfristige Entwicklungsprojekte fließt. Für die Nothilfe müssten zusätzliche Mittel bereitgestellt werden. Problematisch ist auch, dass sich in diesen Konflikten die Einsätze von Militärs und Hilfsorganisationen immer stärker durchdringen.

zeit: Meinen Sie, dass private Spenden an Hilfsorganisationen Not lindern helfen?