DIE ZEIT-Schülerbibliothek (24)Den Träumen kann man nicht trotzen

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Der erste Satz von Hans Henny Jahnns Roman (1935) lautet: "Wie wenn es aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde das schöne Schiff plötzlich sichtbar." Zwei Schlepper bringen es an den Kai, der Kapitän, in Begleitung seiner Tochter Ellena und ihres Verlobten, nimmt Quartier an Bord, eine Besatzung wird angeheuert, es werden Kisten herangeschafft und im Schiff verstaut, die Polizei überwacht den Vorgang. Offenbar handelt es sich um eine gefährliche, jedenfalls geheime Fracht. Geheim ist auch das Ziel der Fahrt, nur der Superkargo, der vom Reeder ermächtigte Chef des Transports, wird es erfahren.

Die Reise beginnt, und der Nebel, aus dem das Schiff kam, verdichtet sich wieder, denn gespenstische Vorgänge rücken alles ins Ungewisse. Gustav, der Verlobte, entdeckt einen blinden Passagier und geheime Gänge. Der Kapitän, ein nüchterner Mann, ist ratlos. Der undurchsichtige Superkargo verweigert jede Auskunft. Da verschwindet Ellena. Die abergläubische Mannschaft begehrt auf, eine Atmosphäre des Verdachts breitet sich aus. Ein Sturm zieht auf, Meuterei ergreift Besitz von der Mannschaft. Sie dringt in die verschlossenen Laderäume ein. Man findet leere Holzkisten. Auf der Suche nach Ellena stoßen die Meuterer auf eine hinter Planken verborgene Verkleidung, vielleicht eine Tür. Dort vermutet man die Lösung des Rätsels. Die Matrosen bemächtigen sich eines Balkens und rammen den Eingang: "Der Balken pendelte schnell hin und her. Die Stöße waren hart. Gustavs Augen glommen auf. Neben dem Gedröhn gab es plötzlich einen klingenden Scherbenlaut, wie wenn ein großer Spiegel herabfällt und zerbricht. Die Männer horchten auf. In der gleichen Sekunde, Gustav glaubte seinen Augen mißtrauen zu müssen, stürzte blank, vergleichbar dem frischen Kamm einer anspringenden Welle, hinter der aufgeschlitzten Holzwand Wasser hervor." Die Mannschaft rettet sich in Boote und beobachtet voller Entsetzen den Untergang des Schiffs: "Senkrecht über dem Wasser, stehend, den treibenden Booten zugewandt, zeigte sich die Galeonsfigur. Aller Augen hingen an ihr. Niemand entsann sich, sie vorher gesehen zu haben. Eine Frau. Die Arme, nach rückwärts geschlagen, verfingen sich in braunes, meerumrauchtes Holz, die üppigen Schenkel umklammerten den stolzen Baum des Kiels. Ein mächtiger, verführerischer Gesang zu den Männern hinüber. Eine dreiste Verheißung strotzender Brüste. Dann war die Erscheinung verschwunden."

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Dieses letzte Bild legt nahe, in dem Schiff ein weibliches Wesen zu vermuten. Der Wunsch, in dessen Körper einzudringen, ihm sein Rätsel zu entreißen, ist kindlich, und er ist männlich. Er erträgt es nicht, dass da ein Geheimnis ist. Indem die Männer es zerstören, bereiten sie sich selbst den Untergang. Die Ohnmacht der Vernunft ist Thema des Romans. Aber Jahnn klagt nicht darüber, sondern zeigt in gewaltigen, oft erschreckenden Bildern die Gegenmächte: die Ängste, die Begierden, die Fantasien. Das Schiff wird zum Ort, wo die Gewissheiten schwinden. "Den Wirklichkeiten kann ich trotzen, nicht den Träumen", sagt der Kapitän. Die Träume werden übermächtig.

Während oben Kapitän und Superkargo vergeblich die Herrschaft des Verstandes behaupten, wüten im Bauch des Schiffes Wahnvorstellungen. Ein Matrose sagt "mit erstickter Stimme, alle Schuld sei plötzlich. Sie eile den frevelhaften Entschlüssen voraus. Gedanken, das sei Traum. Wie kriechende Schnecken." Der Zimmerman erzählt die Geschichte von Kebad Kenya, dem Mann, der sich bei lebendigem Leib begraben ließ, um das Böse in sich zu bändigen und seine Schuld zu sühnen. Weder ist glaubhaft, der Mann könnte das erzählen, noch dass die Besatzung der dunklen, gottlosen Legende zuhörte. An Fragen der Wahrscheinlichkeit ist Jahnn nicht interessiert. Deshalb greift die Darstellung über das psychologisch Angezeigte hinaus. Die Sprache kommt in grandiosen Hauptsätzen daher und findet Bilder, die an Fremdheit und Schönheit ihresgleichen suchen – als sähe man die unheimlichen, zauberhaften Landschaften der Elekronenmikroskopie.

Wer sich in dieses Buch hineinbegibt, kommt als ein Anderer heraus. Er ist jener Dunkelheit begegnet, die ihn vielleicht in Träumen schon heimgesucht hat. Hier ist die Form dafür gefunden. Was aber eine Form gefunden hat, das hat seinen größten Schrecken verloren. (Jahnn hat den Roman später durch die Niederschrift ergänzt und Fluß ohne Ufer genannt. Leider ist derzeit nur die Gesamtausgabe erhältlich . )

Hans Henny Jahnn: Fluß ohne Ufer st 3142; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2000; 4 Bde, 1. Bd: Das Holzschiff, zus. 2163 S., 50,– ¤Fluß ohne UferBelletristikst 3142; 4 BändeHans Henny JahnnBuchSuhrkamp Verlag2000Frankfurt a.M.50,–zusammen 2163
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