"Die Briten sind das einzige Volk, das hören will, wie arg die Situation wirklich ist. Sie wollen immer das Schlimmste hören." Sagte einst Winston Churchill. Und übersah die Deutschen. Die wollen nicht nur hören, wie schlimm es steht, sie reden es sich selbst ein: Wachstumsschwäche, Bildungskrise, Haushaltsloch. Deutschland, einig Jammerland.

Dabei ist alles halb so wild. Jedenfalls von außen betrachtet. Britische Firmen nämlich finden mehr und mehr Gefallen an Investitionen in Deutschland, meldete dieser Tage die britische Handelskammer. An die 1000 Firmen aus dem Königreich (mit 150000 Jobs) sind in der Bundesrepublik ansässig, Tendenz steigend. Was macht den kranken Mann Europas so attraktiv für britische Investoren?

Es sind vermeintliche Krankheitserreger. Deutschland ist geschockt von der Pisa-Studie, britische Manager loben die hierzulande hoch qualifizierten Arbeitskräfte. Die halbe Republik ruft "Weniger Staat!", auf der Insel preist man die meist mit Staatsmitteln geschaffene hiesige Infrastruktur. Deutsche Firmen fürchten die aus der EU-Osterweiterung entstehende Konkurrenz, britische Betriebe betonen die Nähe zu den Märkten Polens und Tschechiens.

Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers passt in das gar nicht so dunkle Bild. In Deutschland müssen Unternehmen an den Staat Abgaben in Höhe von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts entrichten. Genau wie in Britannien. In Frankreich dagegen 17 Prozent. Deutschland, heimlich Wunderland? Jedenfalls sollten hiesige Politiker öfter mal ins Ausland fahren – und von dort aus auf die Heimat schauen.

John F. Jungclaussen