Der Krieg im Irak war entschieden, die Diskussion um den Wiederaufbau des Landes schon im Gange, als in Hamburg die Vertreter der sechs großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute über ihrem Frühjahrsgutachten brüteten. Eigentlich waren sie sich längst einig, dass "vom Krieg keine nachhaltigen Störungen für die konjunkturelle Entwicklung ausgehen" – so Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Doch dann zogen sie es vor, mit der präzisen Prognose für das Wirtschaftswachstum so lange wie möglich zu warten. Und was sie letztlich in der Nacht zum vergangenen Freitag in ihr Gutachten schrieben, hört sich eher nach Kriegsfolgeschaden an als nach Zuversicht: Die deutsche Wirtschaft wird 2003 nur um ein halbes Prozent wachsen. Dieselben Institute hatten im vergangenen Oktober noch ein Plus von 1,4 Prozent angekündigt.

Immerhin: Von einer weltweiten Wirtschaftskrise, von horrenden Ölpreisen, von einer Nachkriegsbaisse ist nicht mehr die Rede. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man auf die Folgen des Golfkriegs von 1991 blickt. Der brach in einem Moment aus, als die amerikanische Konjunktur schon in einer Abschwungphase steckte, und riss die Wirtschaft in eine (wenn auch kurze) Rezession mit negativem Wachstum.

Amerika weit vor Europa

Diesmal ist die Lage nicht ganz so dramatisch. Amerika leidet zwar immer noch an den Folgen des Börsencrashs, an stagnierender Industrieproduktion und schwindendem Konsumentenvertrauen. Aber ganz so ausgeprägt wie in Europa sind diese Schwächen nicht. Und jetzt locken Aufträge für den Wiederaufbau des Iraks, auch der kriegsbedingte Haushaltsnachschlag von 75 Milliarden Dollar wird die Binnennachfrage in den USA stimulieren. So erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) in diesem Jahr für die amerikanische Wirtschaft ein Wachstum von 2,2 Prozent. Nicht gerade berauschend, aber IWF-Chef Horst Köhler kann sich den Hinweis nicht verkneifen: "Auch wenn wir mit dem Wachstum in den USA nicht zufrieden sind, so ist es immer noch doppelt so stark wie in Europa."

Nur: Ein spürbarer Impuls für die Weltwirtschaft wird davon kaum ausgehen, und damit "sind wir wieder voll in der deutschen Problematik drin", wie Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) mahnt. Die sieht so aus: endlose Reformdebatten, wachsende Defizite in den öffentlichen Haushalten, sinkende private Nachfrage, investitionsmüde Unternehmer. Die gravierende Folge: Der Arbeitsmarkt, ohnehin äußerst schwach, zeigte in den ersten Monaten dieses Jahres keinerlei Anzeichen einer Erholung.

Seit dem letzten Konjunkturhoch im Sommer 2000 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland kaum noch gewachsen; im letzten Quartal 2002 kam das minimale Wachstum sogar völlig zum Stillstand. Dass für das gesamte vergangene Jahr noch ein Minizuwachs beim BIP von 0,2 Prozent blieb, ist einzig dem Export zu verdanken. Ohne einen Rekordüberschuss im Außenhandel wäre die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr sogar um 1,3 Prozent geschrumpft.

Reformen machen Angst

Zwar ist die deutsche Industrieproduktion besser als erwartet in das Jahr 2003 gestartet, sicher wird auch das eine oder andere Projekt beim Wiederaufbau des Iraks hiesigen Unternehmen zugute kommen. Aber um die Investitionen nachhaltig anzukurbeln, reicht das nicht. Dabei ist Investieren billig wie selten, sind die Zinsen auf einem historischen Tiefstand, versucht die Bundesregierung verzweifelt, die Unternehmen mit günstigen Krediten zu locken. Aber warum sollen sie neue Maschinen kaufen, wenn schon die alten nicht ausgelastet sind?