Es ist schon makaber: Der Irak hat sich noch nicht von den Kriegsschrecken erholt, da kommen schon in London islamische Kostbarkeiten unter den Hammer. Nicholas Shaw, Direktor der zuständigen Abteilung bei Sotheby’s, kann daran nichts Abgeschmacktes finden: "Unsere Kunden sind ernsthafte und langfristig investierende Sammler, die das eine nicht mit dem anderen verwechseln." So hat seiner Meinung nach beispielsweise eine seltene mittelalterliche persische Schatulle für Schreibgeräte mit einem Schätzwert von 200000 Pfund gute Chancen, am 30. April in London die Bietgefechte anzuheizen ( www.sothebys.com ).

Das mit goldenen und silbernen Intarsien versehene, aus dem 13. Jahrhundert stammende metallene Federkästchen kann über die handwerkliche Raffinesse hinaus mit einer bemerkenswerten Historie glänzen. Eine Inschrift verweist auf den früheren Besitzer, einen hohen Minister. Nur Staatsdienern von Rang wurde die Ehre solcher wertvollen kunsthandwerklichen Dinge zuteil. Sie setzten sie als Symbole der Macht bei offiziellen Anlässen ein. Ebenfalls aus dem früheren Persien stammt eine bauchige, mit stilisierten floralen Motiven geschmückte gläserne Henkelkanne, die der Katalog als sehr frühe Arbeit der dortigen Glastechnik aus dem 10. Jahrhundert ausweist – und mit 250000 Pfund bewertet.

Unter dem Dach von Arts of the Islamic World bei Sotheby’s und Islamic Art and Manuscripts bei Christie’s einen Tag zuvor (29. April) werden jedoch nicht nur Werke aus dem Irak angeboten. Bereits im 10. Jahrhundert spannte sich die islamische Welt mit ihren Künsten von Córdoba bis Samarkand in Zentralasien, über den Jemen, später dann bis nach Zentralafrika, die Ukraine und Indien. Das Prunkstück bei Christie’s unter 190 Losen stammt denn auch aus Spanien (etwa 10. bis 11. Jahrhundert). Es ist ein vergoldeter Brunnenaufsatz in Form eines Hahns von 43 Zentimeter Höhe. Sein Ausdruck ist außerordentlich lebendig. Die stolze Schätzsumme beträgt eine Million Pfund ( www.christies.com ).

Das Sammlerinteresse für islamische Kunst ist noch jung. "Es begann etwa vor 30 Jahren", sagt Nicholas Shaw, "als sich nach dem Sturz des Schahs viele Iraner in Amerika niederließen und begannen, Objekte aus ihrer Heimat zu kaufen." Inzwischen hat sich das Zentrum des Handels nach London verschoben. Die Zahl der privaten Liebhaber, auch aus den Golfstaaten und den internationalen Museen, ist seitdem stetig gewachsen. 1999 setzte Sotheby’s zehn Millionen Pfund mit der Kunst des Nahen und Mittleren Ostens um.

Der Nischenmarkt wird seit dem ersten Golfkrieg 1990/91 auch kräftig von illegaler Seite versorgt. Tausende Manuskripte, Münzen, Schmuck, Statuen, Töpfereien aus islamischer Zeit und aus der Frühkultur der Sumerer und Assyrer wurden aus den Museen von Basra und Kufa und von diversen Ausgrabungsstätten entwendet. "900 damals aus dem Irak gestohlene Objekte tauchten später in Jordanien auf", weiß der an der Uni Heidelberg tätige Präislamismus-Experte, Peter A. Miglus, zu berichten. "Sie mussten vor drei Jahren zurückgegeben werden. Das meiste Gut ist aber auf dem europäischen und amerikanischen Markt versickert."

Der Forscher hat viele Jahre lang archäologische Grabungen im Zweistromland Mesopotamien geleitet. Für Miglus ist neben dem Verlust der einzelnen Objekte vor allem schmerzlich, dass "über den Handel ihr Fundkontext verloren geht". Dass auf kriminellen Kanälen exportierte Gegenstände auch Eingang in die großen Versteigerungshäuser finden, schließt Nicholas Shaw so gut wie aus. "Dazu ist ein Auktionshaus mit weltweit einsehbaren Katalogen ein zu öffentlicher Platz. Außerdem arbeiten wir eng mit Sammlern und Institutionen zusammen."

Die US-Regierung hatte im vergangenen Herbst Islam-Experten beauftragt, eine Karte der irakischen Kulturstätten zu ihrem Schutz vor den eigenen Militärschlägen anzufertigen. Gleichwohl zeigt sich die Weltkulturorganisation Unesco beunruhigt. Die Bibliothek von Sippar mit ihren 500000 Tontafeln in Keilschrift sei ebenso hochgradig gefährdet wie das Irak-Museum in der Hauptstadt mit 150000 unersetzlichen Kunstwerken, ganz abgesehen von den vielen der 15000 inzwischen von ausländischen Archäologen verlassenen und möglicher Plünderung anheimgegebenen Grabungsstätten.