Es gibt gute Gründe, Lewis Reise mit einiger Aufregung zur Hand zu nehmen. Der Autor selbst hat diesem Roman unter all seinen Veröffentlichungen eine Sonderstellung zugewiesen. Er habe dieses "Buch geschrieben", formulierte Enquist in einem Aufsatz, "um zu erklären, warum ich der wurde, der ich geworden bin", und er sei dabei "zum ersten Mal in meinem Leben ein bisschen klüger, was mich selbst betraf", geworden. Starke Worte für einen Autor, der immerhin achtundsechzig Jahre alt ist. Und noch stärker für einen, der just im Gebiet der autobiografisch gefärbten literarischen Selbsterforschung Bücher von überragender Qualität vorgelegt hat. In Der Sekundant und vor allem in Kapitän Nemos Bibliothek erzeugte Enquists Darstellung von Angst, Einsamkeit und Liebesverlangen im Leser außerordentlich starke und selten nuancierte Gefühle. Die oft so matschig verbalisierte Innerlichkeit kommt hier mit einer Erzähltechnik zum Sprechen, die Nähe gerade dadurch erzeugt, dass sie jeder falschen Unmittelbarkeit ausweicht. Enquist kombiniert und rekombiniert kleine und kleinste Erzähleinheiten zögerlich zu einem Ganzen. Er mischt – ohne aufgesetztes Raffinement – Dokumentarisches und Erzählerisches, Schreibreflexion und Essay. Und beweist dabei ein bemerkenswertes Vermögen, Rätselhaftes klar zu machen, ohne es auszuplaudern. Man las, als würde man sich tastend in einem stockfinstern Zimmer orientieren, das man am Ende kennt, liebt und fürchtet, ohne es je gesehen zu haben.

Lewis Reise darf mit Fug als vorläufiger Schlussstein von Enquists Werk angesehen werden. Und ein so architektonisches Wort wie Schlussstein ist durchaus angebracht, denn Enquists Bücher bilden – ganz so wie die fünf Bände von Lars Gustafssons Zyklus Risse in der Mauer – durchaus ein "Romansystem". Fast in allen kehren Bilder wie die in der Eiseskälte singenden Telegrafendrähte und die als metaphysisches Suchbild leuchtenden Sterne in den Nächten des Nordens wieder. Fast in allen spielt das Blut Christi und das bekennende gemeinsame Beten in der Stube eine Rolle. Und wortwörtlich verbindet eine bestimmte todverbundene Passage mit Vögeln, die "eingebohrt in sich selbst" auf dem Wasser träumen, die mehr experimentellen Selbsterforschungen mit den historischen Romanen wie zuletzt Der Besuch des Leibarztes, der Enquist in Deutschland den längst verdienten Durchbruch gebracht hat.

Doch noch nie waren die Echos aus Früherem so vielfältig, noch nie liefen so viele Fäden zusammen wie in Lewis Reise . Auch kommen hier die bislang getrennten Linien der literarischen Selbsterforschung und des historischen Romans zusammen. Lewis Reise beginnt in direktem Anschluss an den Leibarzt – und entfaltet dann dessen exakten Gegensatz. Die erste Szene spielt "in Doktor Struensees Reich": auf dem Gottesacker von Christiansfeld, einer Gründung des Leibarztes. Doch während der Leibarzt von der aufklärerischen Organisation des Rationalen erzählte, geht es hier um die Organisation des Irrationalen in der Form mystischer Religiosität. Und während der Leibarzt rein historisch erzählt war, kombiniert Enquist hier den illusionistischen historischen Roman mit autobiografischem Erzählen und zeitkritischer Reflexion.

Lewis Reise erzählt von der Bewegung, die Enquist und seine Mutter, die einflussreichste Person seines Lebens, im Innersten geformt hat: der religiösen Erweckungsbewegung Schwedens im 20. Jahrhundert. Aus ihr kommen, sagt Enquist, "die Wertsetzungen, die in den ersten zwanzig Jahren meines Lebens in meinem Herzen angelegt wurden" und heute "noch immer drinsitzen": die existenziellen Fragen nach Gut und Böse, nach der Sünde, dem Erlaubten, dem Gebotenen, dem Verbotenen. Die Erweckungsbewegung, deren "Kind" Enquist war, ist die Evangelische Vaterländische Stiftung, die "stark herrnhutisch geprägt war. Ich bin mit Blutsmystik großgezogen worden, mit Kirchenliedern über Jesu Wunden und mit eigentümlichen Bildern, wie die Kinder Jesu sich in Jesu Wunden glücklich verstecken, von seinem lebensspendenden, warmen und keineswegs erschreckenden Blut umspült".

Wer das entlegen findet, sollte sich daran erinnern, dass auch im Zentrum des klassischen unserer Klassiker, in Wilhelm Meisters Lehrjahren , ein langes herrnhutisches und pietistisches Kapitel steht, die "Bekenntnisse einer schönen Seele". Enquist bezieht sich in seinem Roman mehrfach subtil auf die Herrnhuter und die deutsche pietistische Tradition. Letztlich tut er nichts anderes, als an sich und im schwedischen 20. Jahrhundert die Woge zu beobachten, die im deutsche 18. schon durch Goethes Jugend zog.

Da Enquist ein indirekter Erzähler ist, nimmt er sich als Gegenstand nicht die Evangelische Vaterländische Stiftung, sondern die andere und größere Erweckungsbewegung, die Pfingstbewegung, die – nach Vorspielen in den USA – 1907 in Schweden entstand, durch massenhaftes ekstatisches Reden "in Zungen" rasch anschwoll und zuletzt ein industrielles Religionsunternehmen mit Tageszeitung, politischer Partei und Radiostationen war; in Schweden gibt es heute 90000 und weltweit 250 Millionen Pfingstler. Enquist berichtet zur Hauptsache die Lebens- und Erfolgs-, die Freundschafts- und Trennungsgeschichte der zwei wichtigsten Prediger der Bewegung: des aus einfachen Verhältnissen stammenden Lewi Pethrus (1884 bis 1974) und des ehemals flamboyanten Dichters, dann charismatischen Predigers Sven Lidman (1881 bis 1960). Beide kamen aus der Literatur und fanden zur Religion und sind insofern Gegenbilder zu Enquists eigenem Leben. Auch diese Predigergeschichten erzählt Enquist wiederum indirekt. Er folgt den beiden, ausgehend von den Lebenszeugnissen ihres Vertrauten Efraim Markström, den er schon als Gewährsmann für Auszug der Musikanten, seinen Roman über die Frühzeit der schwedischen Arbeiterbewegung, befragt hatte.

Anfänglich entfaltet sich dies mehrfache Spiel über die Bande in der so anziehenden und vertrauten Enquistschen Manier des Entschlüsselns einer "geheimen Botschaft". Enquist findet sich im Leben Markströms wieder – und auch nicht: "Man kann in etwas hineingeboren werden, und darin aufwachsen, und dennoch nichts verstehen." Er macht sich ans Entziffern der Lebenszeugnisse. "Rekonstruktion. Nach bestem Gewissen. Vielleicht fand sich das Material in gewissem Maße in mir selbst." Schließlich kommt er an: "Das war ich. Ich hatte es nur vergessen. Es war, als habe die Zeit eine Eishaut über mein Leben gelegt und sie dann plötzlich weggehaucht, und ein Gesicht war hervorgetreten, obwohl ich es vergessen hatte. Dies war ich."

Man sieht in den Wiederholungen in diesem Zitat schon recht deutlich die Gefahren, die diesen Roman bedrohen. Denn Enquist begibt sich hier nach vertrauten Anfängen auf einen Weg, den er noch nie beschritten hat. Er entfaltet auf mehr Seiten denn je ein überaus detailliertes, bisweilen fast enzyklopädisches kulturgeschichtliches Panorama. Lewis Weg durch die schwedische Arbeiterbewegung wird uns ebenso gemächlich und reich ausgeschmückt berichtet wie der Lidmans durch die schwedische Oberklasse. Enquist exzelliert in wohlinformierten ideengeschichtlichen Exkursen aller Art. Was die religiöse Suche nach Gewissheit mit dem modernen Grundübel des Zweifels und der Relativität zu tun hat, erfahren wir so gut wie die Finessen der Erweckung, die Verwinkelung der christologischen Theologie, die Rolle der Frauen und die Berührungspunkte der Pfingstler mit Hitler und Pétain. Wir sehen in einer langen Folge von Nahaufnahmen und resümierenden Deutungen die Bewegung aufsteigen, groß werden und sich schließlich in den Organisations- und Geldfragen verheddern, die zuletzt auch zur Spaltung und zum sektiererischen Ausschluss Lidmans führen. Irgendwann haben Macht und Bürokratie über das Leben der quasi urchristlichen freien Gemeinden und über die innere Lebendigkeit des Glaubens gesiegt.