Welche Temperatur herrscht eigentlich in Giuseppe Verdis Traviata ? Als Oper des herzerwärmenden Belcanto wird sie heiß geliebt und als Rührstück, das im überheizten Plüschambiente der Pariser Demimonde spielt, mitunter leise verachtet. La Traviata erzählt vom Lebensrausch einer Amüsiergesellschaft, von glühender, tragisch endender Liebe und vom Tuberkulosefieber zum Tode – Gefühlshitze allenthalben. Oder liegt doch der Frost einer großen Vereinsamung über der Handlung? Die effektvoll ausgedünnten Pianissimo-Passagen und die Momente stockenden Innehaltens, mit denen Verdi seine Partitur durchsetzt hat, erklingen dann als Beweis schwindender Lebenswärme. Nicht wenige Regisseure haben es in ihren Traviata -Inszenierungen schneien lassen. Violetta Valéry, die Edelkurtisane, die die Liebe als Herzschlag des Universums in sich spürt, geht an der Unterkühlung der Welt zugrunde. Daniel Barenboim und Peter Mussbach haben sich in ihrer Neuproduktion an der Staatsoper Unter den Linden (zur Eröffnung der Osterfestwochen) an genau dieser Lesart versucht und zeigen den beliebtesten Blutsturz der Operngeschichte als jähen Temperatursturz – La Traviata schockgefroren.

Als schwacher, weiß fluoreszierender Lichtpunkt leuchtet Violetta zu den ersten Takten des Vorspiels aus dem Bühnendunkel auf, nach und nach erst wird ihre Gestalt erkennbar: ein unwirklich bleiches Wesen in einer mondänen schulterfreien Abendrobe, die den zerbrechlichen Körper umgibt wie eine Hülle aus emporgefrorenem Eis. Eine Mischung aus graziöser Spieluhrtänzerin, plastikblondem Marilyn-Monroe-Klon und der Automatendame Olympia aus Hoffmanns Erzählungen . Nur in unendlich vorsichtigen Schrittchen, den Körper immer wieder kurios abgeknickt, bewegt sie sich und erstarrt über ganze Szenen hinweg zu einer anmutigen Statue ihrer selbst. Ihrem Alfredo gönnt sie nur einen einzigen Augenblick inniger Zweisamkeit, einen kurzen Kuss, dann blickt sie wieder ins Leere und malt mit ihren Armen die Gesten einer somnambul Weggetretenen in die Luft.

So abweisend, so in sich gekehrt und kühl bis ans Herz ist diese wundersame Eisprinzessin, dass man sich immerzu fragt, wo die Leidenschaft eigentlich herrührt, die sie auf den Lippen führt, ihre "Alles auf Erden ist Genuss"-Exaltation im ersten Akt, ihre großen Leidens- und Verzichtsarien im zweiten und ihre entrückte Todesempfindsamkeit im Schlussbild? In Verdis Noten kehrt Violetta ihr Herz nach außen, bei Mussbachs artifiziellem Regiegeschöpf zweifelt man, ob in ihm überhaupt eins schlägt. Tief gespalten ist die Figur in ein fühlendes (singendes) Ich und eine seelenlose puppenhafte äußere Existenz. Und weil diese Violetta sich selbst so fremd ist, bleibt sie letztlich auch dem Zuhörer fremd: Mussbachs Traviata berührt nicht. Sie ist ein glitzerndes Designerregieprodukt mit Teflon-Aura. Um sie wird niemand weinen.

Christine Schäfer balanciert die Kunstfigur zwar darstellerisch virtuos wie eine Seiltänzerin aus, aber ein Hauch von Unnahbarkeit durchweht auch ihren Gesang. Nicht in den Pianissimo-Passagen, die sie betörend schön zurücknimmt, sondern in den hochfahrenden Leidensausbrüchen: Da spricht aus ihren Phrasierungen zu wenig die Gebrochenheit einer tragischen Existenz, klingen ihre Töne und Koloraturen manchmal nur akkurat gesetzt. Die ganz große melodramatische Fallhöhe vermag sie der Partie sowieso nicht abzugewinnen, dafür ist ihre Sopranstimme zu klein. Und was Daniel Barenboim am Pult seiner Staatskapelle musikalisch beisteuert, geht – abgesehen von einigen harschen Durchbrüchen – über metiersichere mittlere Empfindsamkeit kaum hinaus. Der Musik fehlt bei ihm der letzte bohrende Leidenschaftssog, der die Szenen vorantreibt, sie hebt bei ihm im dritten Akt auch nicht wirklich ab in eine das Leben aushauchende überirdische Schönheit. Und ein Verdi-Dirigent, der der Psychologie der Figuren bis in die Details hinein nachspürt, ist er nicht.

Ebenso wenig wie Mussbach, der offenbar gar nicht so genau zeigen kann und mag, woher die Verstörung der Titelheldin eigentlich rührt. Pauschal nur entwirft er die vergnügungssüchtige Gesellschaft, aus der Violetta ausgegrenzt wird – eine nachtschwarze Upper-class in eleganter Garderobe, die ihr Opfer in den Chorszenen als amorphe Masse in die Enge treibt. Auch für Giorgio Germont, den Vater von Violettas Geliebtem Alfredo, interessiert er sich nicht, obwohl der in seiner widersprüchlichen Mischung aus Vatergüte und Vaterhärte, Mitleid und unerbittlicher moralischer Instanz eine spannende Verdi-Figur ist. Peter Mussbach überantwortet ihn ganz der Routine von Thomas Hampson, und der macht mit seinem voll tönenden, orgelnden Bariton aus dem großen Auftritt im zweiten Akt leider nur eine nichtssagende Gesangsglanznummer. Hampson ist ein Langweiler auf Weltstar-Niveau. Und Rolando Villazon ist als Alfredo leider auch nicht viel mehr als ein ansprechend singender italienischer Tenor, der sich ans Herz greift und die Augen verdreht, wenn er von der Liebe singt.

So bleibt die Vereinsamung der Violetta Valéry nur eine schön anzuschauende dekorative Geste, die Erich Wonder in seinem Bühnenbild spektakulär ausstellt: Durch eine riesige Windschutzscheibe aus Gaze blickt das Publikum auf die Bühne, an der (mit Videotechnik projizierte) Wassertropfen herabperlen und über die sich gleichsam als Schicksalspendel von Zeit zu Zeit ein monströser Scheibenwischer bewegt. Leer und hoch ist der Raum mit einer Außenhaut, an der sich schattenhaftes Großstadtgelichter bricht: zuckende Neonreklame, U-Bahn-Fahrten, reflektierende Autoscheinwerfer. Pariser Nacht-Tristesse. Und auf dem Bühnenboden sieht man die Fahrbahnmarkierungen eines imaginären Boulevards – Violetta stirbt auf einer Straße ins Nichts.

Allerdings ist dem Bühnenbildner auch ein schlimmer Fauxpas unterlaufen: Die Windschutzscheibe aus Gaze ist, von den seitlichen Plätzen im Opernhaus betrachtet, offenbar blickdicht. Das hat in der Premiere zu (verständlichen) tumultuösen Protesten geführt. "Vorhang hoch!" und "Schmeißt den Mussbach raus!", forderten erboste Premierengäste. Es bleibt ihnen der schwache Trost, dass so viel hinter der Windschutzscheibe gar nicht passiert.