Dass sich Vertreter von Unternehmerverbänden und Gewerkschaften einig sind, kommt nicht eben häufig vor. Dass aber Jugendliche in Deutschland um ihre Zukunft gebracht werden, sagen sie in diesen Tagen beide. Die Lage auf dem Lehrstellenmarkt sei "bedrohlich", heißt es bei ver.di. "Dramatisch" nennt sie die IG Metall. "Kritisch" wird die Lücke zwischen angebotenen und nachgefragten Ausbildungsplätzen beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHT) genannt, "alarmierend" findet die Situation die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).

Bis zu 140000 Azubi-Plätze werden zu Beginn des nächsten Lehrjahres im Herbst fehlen, wenn nicht schnell etwas passiert. Landauf, landab verzeichnen die Arbeitsämter einen Rückgang des Angebots. In Hamburg sank die Zahl der offenen Ausbildungsstellen bis März um 18 Prozent, in Hessen um ein Fünftel. In der Oberpfalz kommen auf 100 Bewerber 78, in Oberfranken 64 Offerten. Schon im vergangenen Jahr hatten Deutschlands Unternehmen weniger Lehrplätze ausgeschrieben, als gebraucht wurden, schon damit waren Zehntausende Jugendliche in der Warteschleife gelandet. Jetzt droht noch Schlimmeres. An einem im Vergleich zum Vorjahr so krassen Einbruch der gemeldeten Stellen könne sie sich nicht erinnern, sagt Barbara Dorn, Bildungsexpertin der BDA. "Dies ist ein richtiger Erdrutsch."

Dabei hatte Dorns Chef Dieter Hundt immer wieder versprochen, dass es an Ausbildungsplätzen in der Republik nicht mangeln solle. Teil der gesellschaftlichen Verantwortung der Unternehmen sei das, außerdem Vorsorge für die Zukunft, wiederholte der Präsident des Arbeitgeberverbandes bei jeder Gelegenheit. Nun allerdings muss auch Hundt lernen, dass in der Mehrzahl der deutschen Betriebe Zukunftsvorsorge ziemlich kurzfristig buchstabiert wird und von Verantwortung nicht viel zu spüren ist. Kostendruck, Wachstumsschwäche und schlechte Bilanzen zwingen zum Sparen. Ausbildung bietet dazu viel Potenzial.

Dass der Rückgang der angebotenen Lehrstellen auch eine "Nebenwirkung der insgesamt schlechten Konjunktur- und Beschäftigungslage" ist, wie es DIHT-Berufsbildungsfachmann Günter Lambertz konstatiert, wird selbst von den Gewerkschaften nicht bestritten. Mit jeder Insolvenz – mehr als 40000 gab es im vergangenen Jahr – stirbt unter Umständen auch ein Ausbildungsplatz. Je weniger Bankfilialen, Baufirmen, Friseure oder Floristen es gibt, desto weniger Lehrstellen sind vorhanden. Das vergleichsweise ausbildungsfreudige Handwerk hat 2002 rund 300000 Menschen auf die Straße gesetzt – da ist es nur verständlich, dass ein entlassener Geselle nicht durch einen neuen Lehrling ersetzt wird.

Aber die Konjunktur ist nur der eine Teil der Erklärung für die schlechte Lehrstellenlage. Der andere, wichtigere: Nur 25 bis 30 Prozent aller deutschen Unternehmen bilden überhaupt aus. Selbst wenn man all jene Firmen abzieht, die wegen mangelhafter Lehrqualifikation und zu geringer Größe keine Azubi-Plätze anbieten können, bleiben je nach Zählweise bis zu 600000 deutsche Betriebe, die sich davor drücken, dem Nachwuchs den Start ins Berufsleben zu ermöglichen.

Eines ihrer Argumente: Ausbildung ist zu teuer. Das sagte kürzlich DIHT-Chef Ludwig GeorgBraun, der – schwierige Zeiten erfordern schlichte Rezepte – deshalb eine generelle Absenkung der Azubi-Löhne um 20 Prozent verlangt. Richtig ist, dass die bestbezahlten Lehrlinge in Deutschland inzwischen immerhin knapp 800 Euro im Monat verdienen – schlecht bezahlte allerdings weit weniger als halb so viel (siehe Tabelle). Dazu kommt, dass sich Ausbildung durchaus bezahlt macht. Schon nach Abzug seiner für den Betrieb verwertbaren Arbeiten kostet ein Lehrling durchschnittlich nur noch 8705 Euro im Jahr, hat das Bundesinstitut für Berufsbildung herausgefunden. Wird ein Azubi übernommen, werden außerdem rund 5700 Euro an Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten für eine betriebsfremde Fachkraft gespart; daneben sind mit einem eigenen Lehrling das Fehlbesetzungsrisiko und die Fluktuationsgefahr geringer. "Diese Nutzen muss man den Kosten gegenüberstellen", sagt Karl Spelberg, Ausbildungsexperte beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Berlin.

Dass die Entscheidung für oder gegen Ausbildung ohnehin nicht allein nach ökonomischem Kalkül erfolgt, beweist ein Blick auf die regionale Statistik. Im Handwerkskammerbezirk Münster bilden über 40 Prozent der Firmen aus, im nebenan liegenden, strukturell ganz ähnlichen Bezirk Düsseldorf nur 27,9 Prozent. Gerade ein Fünftel aller Handwerker in Cottbus hat einen Lehrling, aber mehr als doppelt so viele Handwerksbetriebe in der Region Oldenburg. Ganz offensichtlich hat die Bereitschaft, jungen Menschen eine Zukunftschance zu geben, in vielen Firmen weniger mit den wirtschaftlichen Verhältnissen als mit den persönlichen Vorlieben von Chefs und Geschäftsführern zu tun.

Wie aber soll man sie dann dazu bewegen, einen Lehrling einzustellen? Appelle, sagen die Arbeitgeber, und dazu ein paar Anreize. BDA-Chef Hundt setzt auf "Lehrstellenentwickler" und "Berater", die mehr Ausbildungsplätze "mobilisieren" sollen, fordert ein Einfrieren oder die Absenkung von Azubi-Löhnen und möchte, dass sich Lehrlinge künftig Ausbildungsplätze teilen. Nach Auffassung des ZDH muss es überdies zusätzliche, auf zwei Jahre verkürzte Lehrstellen geben, etwa bei der Pflege oder im Postverkehr. Der Generalforderung nach "Entbürokratisierung" hat die Bundesregierung schon entsprochen und die "Ausbildungseignungsverordnung" für fünf Jahre ausgesetzt; jetzt dürften Betriebe, unabhängig von Meisterbriefen oder bestandenen Ausbilderprüfungen, Lehrlinge einstellen.