Zu den Eigentümlichkeiten der Berliner Gemäldegalerie gehört eine Wandelhalle, die stets leer stand. Erst jetzt hat man sie für eine Skulpturenausstellung entdeckt, für ein Bild stummer Gesten und Bewegungen, ein Tableau aus Marmor, Stein, Terrakotta, Bronze. Zur Linken, wo auch die Säle der italienischen Malerei des 13. bis 16. Jahrhunderts liegen, sehen wir auf Wandreliefs von Sangallo und Rosselino das unerschöpfliche Thema Maria mit dem Kind. Auf der rechten Seite, vor den Sälen der Altdeutschen und Niederländer, stehen Beispiele der Architekturskulptur, vier schmale, ernste Propheten aus der Trierer Liebfrauenkirche.

Auf halber Saalstrecke, in den Werken des Manierismus und Barock, gerät die Skulptur dann in autonomen Aufruhr. Mit Venus und Adonis und dem Raub einer Sabinerin, zwei lebensgroßen Bronzen von Adrian de Vries, und mit Andreas Schlüters drallen Verkörperungen der vier Temperamente vom Dach des Gartenpalais Kamecke wird sie so weltlich und erotisch, wie es nur den Göttern und Halbgöttern Griechenlands erlaubt ist. Camettis Diana als Jägerin, mit dramatisch bewegtem Marmorgewand in einem Aufbruchsgestus, der an Delacroix’ Allegorie der Freiheit denken lässt, stürmt dem Besucher entgegen. Hinter ihrem Rücken aber legt sich der Sturm der Gefühle, und Canovas Tänzerin hebt verträumt die Arme empor. Die Klänge des Tamburins haben wohl ihr Ohr erreicht.

Für den Generaldirektor Peter-Klaus Schuster ist diese Ausstellung so etwas wie eine Probe für die Einrichtung eines anderen Hauses, des Bode-Museums auf der Museumsinsel, das 2006 eröffnet werden soll. Die Renovierung des neobarocken Baus an der Spitze der Insel annonciert sich schon jetzt durch die goldene Kuppelkrone, für deren standesgemäße Renovierung ein Berliner Tischlermeister gespendet und gesammelt hat.

Nicht zufällig trägt dies Museum den Namen von Wilhelm von Bode, dem nicht nur für die Berliner Sammlungen prägenden, sondern auch wirkungsmächtigsten Mann in der Geschichte der Institution überhaupt. Die Krönung seiner rund fünfzigjährigen Karriere in Berlin waren der Bau und die Einrichtung dieses Hauses, bei der er die übliche Trennung der Gattungen hinter sich ließ und in einem Nebeneinander von Gemälden, Möbeln, Architekturstücken und Skulpturen den Eindruck eines kulturellen Raumes evozieren wollte. Diesen period room, der auch in den angelsächsischen Museen Nachfolger fand, möchte Schuster, bei Verzicht auf Teppich und Truhe, auf die Wechselwirkung von Gemälden und Skulptur konzentrieren. Und grosso modo will er auch den Bodeschen Schwerpunkt der frühen italienischen und holländischen Malerei beibehalten. Was in sich selbst noch unspektakulär klingt, aber die ganze Berliner Museumslandschaft in Bewegung bringt.

Was zum Beispiel wird mit der Gemäldegalerie am Kemperplatz, wenn 2006 Teile daraus auf die Museumsinsel umziehen? Für einige Kapitel, die im Bode-Museum keinen Platz finden und die man auch nicht mehr, wie Bode es getan hatte, in einem Flügel des Pergamon-Museums unterbringen kann und möchte, soll es einen Neubau auf dem der Insel gegenüberliegenden Kasernengelände geben. So hatte es Schuster 1999 in einem Gespräch kurz nach seiner Berufung zum Generaldirektor gesagt. Und dabei, auf der Basis der Berliner Museumsgeschichte, eine schlüssige Skizze entworfen, in der nicht einfach etwas zusammengeflickt, sondern eine Kulturlandschaft der Schwerpunkte entworfen wurde: Die außereuropäischen Sammlungen sollten in Dahlem bleiben, Europa von der Antike bis zum Jahr 1900 sollte auf der Museumsinsel residieren, das 20. Jahrhundert am Kemperplatz gegenüber dem Potsdamer Platz seine zeitgemäße Umgebung haben. Im Neubau der Gemäldegalerie sollte die Kunst des 20. Jahrhunderts, in der benachbarten Neuen Nationalgalerie, von Mies van der Rohe nie als Museum konzipiert, der Raum für große Ausstellungen sein.

Vier Jahre später sind die meisten Pläne immer noch Pläne. Einen Neubau auf dem Kasernengelände gibt es bisher nicht, und auch wenn es ihn gäbe, diese Lösung wäre nicht ideal. Man müsste für die Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts über den Kupfergraben springen und für das 19. Jahrhundert zurückkehren auf die Insel in die Alte Nationalgalerie. Gleichwohl ist die Setzung von Schwerpunkten eine Chance, die Gegenwart und eine komplizierte Geschichte zusammenzubringen.

Vielleicht könnte man das Argument ignorieren, dass die Gemäldegalerie ihrer Geschichte wegen auf die Museumsinsel gehört, wenn sie an ihrem jetzigen Standort angenommen würde. Das aber ist in fünf Jahren nicht geschehen, nur wenige Besucher verirren sich in das Haus am Kemperplatz. Die in ihrem Auftritt oft durchsetzungsfreudige Kunst des späten 20. Jahrhunderts hätte dort wohl eine bessere Chance, den Besucher anzuziehen. Zur Belebung der Szene wird auch das zu diesem Komplex gehörende Kunstgewerbemuseum beitragen, das gerade zwei umfangreiche Kostümsammlungen mit Garderoben des 18., 19. und 20. Jahrhunderts erworben hat.

Umzüge haben Vorgeschichten und Nachgeschichten, und diese brauchen mehr Patronage und kosten mehr Geld als der Umzug. Zur Eröffnung der Alten Nationalgalerie hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder sich erfreulich weit aus dem Berliner Fenster gelehnt und von der Bedeutung der Kunst für die Politik gesprochen, die in der Hauptstadt ihr direkter Nachbar ist. Seitdem ist in den Museen – von Schusters ambitionierter Ausstellung zum Ende des 20. Jahrhunderts abgesehen – wenig geschehen, das den Berlin-Besucher hätte aufmerken lassen. Warum holt man eine Tizian-Ausstellung, für die Berlin zwei Bilder verliehen hat, nicht von London in die deutsche Hauptstadt? Warum muss man das im Umzug befindliche New Yorker Museum of Modern Art in die Neue Nationalgalerie einladen? Diese Einwände gegen eine nicht immer inspirierte Ausstellungspolitik haben allerdings nichts mit der Museumszukunft zu tun und werden kaum der Grund dafür sein, dass man nichts mehr von Schröders Zuneigung für das Weltkulturerbe Museumsinsel hört. Schön wäre es, wenn er und seine Kulturstaatsministerin sich einmal wieder für dieses Thema spürbar und, wie man in der Politik so gern sagt, nachhaltig interessieren würden. Zwar glänzt das Blattgold auf der Bode-Kuppel. Aber für das von Besuchern aller Generationen und Nationen bevölkerte, dabei dringend sanierungsbedürftige Pergamon Museum konnte aus Geldnot bisher noch nicht einmal ein Planungsauftrag vergeben werden. Im Jahre 15 des Herrn nach der Wende.