Nach dem Krieg Die Schmerzen der BefreiungSeite 3/3
Wie kann es sein, dass der Sturz eines Tyrannen einen solchen Schwall von Ressentiments freisetzt? Eigentlich sollte es doch in Deutschland einen Sinn für die seelischen und politischen Kosten des Lebens unter einer Diktatur geben. Man könnte auch meinen, dass die Freude über eine Befreiung gerade hier einen Resonanzraum finden müsste. Ein großer deutscher Politiker hielt einmal eine Rede, die sich mit der Ambivalenz der Befreiung befasste. Darin wurde weder der „Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes“ verschwiegen noch die Verbitterung über die zerrissenen Illusionen, noch die Demütigung, sein Schicksal „in der Hand der Feinde“ zu wissen.
Auch das Gefühl der Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit angesichts der eigenen Taten, die „den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient“ hatten, kam zur Sprache. Die Deutschen sollten die Ursache für ihre schweren Leiden, sagte Richard von Weizsäcker, nicht im Ende des Krieges suchen, sondern „im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte“. In dieser Rede hieß es auch: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“
Vierzig Jahre hatte es gedauert, bis ein deutscher Bundespräsident die Kraft fand, diesen einfachen Satz zu sagen. Seine Rede beweist – gegen den Strom der heutigen Stimmung –, dass die Dankbarkeit für eine Befreiung von Gewaltherrschaft nicht mit dem Vergessen der schrecklichen Leiden einhergehen muss, mit denen die Freiheit erkauft wurde.
- Datum 16.04.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.04.2003 Nr.17
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