Eine Pizza aus der Tiefkühltruhe? Brrr, da schüttelt sich der Gourmet. Die Teigspezialität aus dem Mittelmeerraum kann stilgerecht nur direkt aus dem Holzbackofen gegessen werden. Nicht allein wegen des Geschmacks. Auch wegen der Zutaten. Nicht auszudenken, was auf so einer Fertigpizza landet: Farb-, Aroma- und Geschmacksverstärker? Gentechnisch manipulierte Soja? Abfälle aus der Fleischwirtschaft? Den dunklen Machenschaften der Lebensmittelindustrie ist alles zuzutrauen.

Andererseits: Die Weltwirtschaft krankt, der eigene Geldbeutel ebenso, und der Überlebenskampf der Ich-AG lässt kaum mehr Zeit zum eigenhändigen Pizzakneten. Drei Gründe, vielleicht doch mal in die Tiefkühltruhe im Supermarkt zu schauen. Fragt sich nur, worauf sich der ahnungslose Konsument da einlässt.

Zunächst einmal auf ein geringes finanzielles Risiko. Eine komplette Pizza gibt es schon zum Kampfpreis von 1,59 Euro. Doch ein Rest von Nostalgie lässt den Tester zur 2,99 Euro teuren "Prosciutto Rucola Pesto" greifen. Die Packung mit der Lederrückenimitation und der altmodischen Zeichnung erinnert wenigstens entfernt an die Vorstellung vom Holzbackofen. Zu Hause finden sich zwar keine Rucolablätter, aber immerhin grünes Gehäcksel, einige appetitliche Mozzarellakügelchen und separat verpackter Schinken, der tadellos riecht. Auch der Geschmack ist besser als erwartet. Liegt das an ganz perfiden Aromastoffen?

Lokaltermin bei der Wagner Tiefkühlprodukte GmbH im nördlichen Saarland, ein schmuckloser Industriebau in einem Gewerbegebiet. Durchs Treppenhaus zieht Pizzeria-Duft. Als der Reporter von seinem ersten Tiefkühl-Erlebnis berichtet, geht ein Schmunzeln durch die Runde. Volltreffer für die Marketingabteilung: Die Produktlinie "La Pizza", zu der die "Prosciutto Rucola Pesto" gehört, ist eigens für Tiefkühlmuffel und intellektuelle Esser entwickelt worden. Eine so genannte Premiummarke. "Wir wollen handwerkliche Backkunst in industrielle Großserien umsetzen und dabei die Qualität halten", sagt Geschäftsführer Gottfried Hares.

Dann bekommt der Gast Kittel und Haarhaube verpasst. Er muss die Hände waschen und desinfizieren, als ginge es in einen Reinraum zur Chipproduktion. Wir betreten eine riesige Fertigungshalle, durch die sich endlose Förderbänder winden. Hier wird der Pizzateig in badewannengroßen Trögen geknetet, maschinell in Portionen zerlegt und in Pizzableche auf dem Förderband gepresst. Ein rotierender Kamm verteilt Tomatensauce, danach wird automatisch Käse aus riesigen Quadern darüber gerieben. Schließlich verschwindet das Laufband in einem endlos langen Ofen, aus dessen Ende zart vorgebräunte Pizzen herausgleiten. Meterlange Salamis werden geschnitten, die Scheiben fallen computergesteuert auf die Fladen, flinke Hände korrigieren "Belegungslücken". Ein spontaner Geschmackstest von Hefeteig, Käse und Speck verläuft durchaus überzeugend. Ist die Wagner GmbH vielleicht ein Vorzeigebetrieb? Beim Konkurrenzhersteller Freiberger Lebensmittelprodukte in Berlin bietet sich das gleiche Bild.

Selbst Acrylamid ist im beliebtesten Tiefkühlgericht der Deutschen in nennenswerten Mengen nicht zu finden. Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der Zeitschrift Ökotest: Das Krebsgift spielt auf dem Pizzaboden keine Rolle. "Das ist die eigentliche Botschaft des Tests: Tiefkühlpizzen sind im Vergleich zu Pommes frites wirklich unbedenklich. Aber das schreibt Ökotest nicht", ärgert sich Freiberger-Geschäftsführer Helmut Morent.

Früher, so gibt Klaus Riebel freimütig zu, seien vorgebackene Pizzaböden noch mit dem Geschmack eines "Trockenkekses" aus der Fabrik gekommen. Seither ist viel passiert. Die Wagner Tiefkühlprodukte GmbH erfand 1985 die Steinofen-Technik für ein durchgeführtes Förderband. Stein hat eine geringere Wärmeleitfähigkeit als die zuvor genutzen Stahlbleche. Dabei bleibt letztlich mehr Feuchtigkeit im Teig. Zugleich ermöglicht das so genannte Schockfrosten, die angebackene Pizza in kürzester Zeit auf minus 33 Grad Celsius zu kühlen. Vorteil gegenüber dem klassischen, "feuchten" Tiefgefrieren: Es bilden sich kaum mehr Eiskristalle.

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