Als wäre Jerry Lewis versehentlich in einen elegischen Liebesfilm geraten, so irrt Adam Sandler durch Paul Thomas Andersons neuen Film Punch-Drunk Love. Völlig deplatziert wirkt er als Kleinunternehmer Barry Egan in seinem lächerlich blauen Zweiteiler in seiner lächerlich hässlichen Lagerhalle. Spricht man ihn an, zuckt er unwillkürlich zusammen. Stoisch sitzt der Mann sein Leben aus, gepiesackt von seinen sieben Schwestern, verschlossen gegenüber seiner Umwelt. Manchmal kämpft er sich regelrecht aus dem Bild. Passion hat dieses Leben nie erfahren, dafür umso öfter Obsessionen. Sagt man das Falsche, verschwindet Egan aufs Männerklo und verarbeitet die Sanitäreinrichtung zu Kleinholz. Man scheint diese Adam-Sandler-Figur bereits aus anderen Filmen zu kennen, aber in seine leicht tumbe Mimik haben sich feinere Nuancen eingeschlichen; die Art, wie Barry in Momenten der Überforderung seinen Überbiss bloßlegt zum Beispiel.

In Punch-Drunk Love arbeitet der Regisseur P.T. Anderson (Boogie Nights, Magnolia) gewissermaßen an der Pygmalionisierung eines Komödienstars. Bei einer Pressekonferenz auf den Filmfestspielen in Cannes hatte Anderson seinen Film denn auch etwas kokett als "Adam SandlerArthouse Film" bezeichnet und dabei durchblicken lassen, dass er den Vulgo-Humor von Sandlers Hollywood-Komödien immer schon als chronische Mangelerscheinung einer unterforderten Schauspielerexistenz verstanden wissen wollte. Mit Punch-Drunk Love sollte Sandlers Wandlung vom unerwachsenen Komiker zum seriösen Darsteller beginnen.

Tatsächlich bewegt er sich in Punch-Drunk Love zunächst fast eine Stunde lang durch eine seltsam verschobene Welt, in der er zutiefst einsam und verloren wirkt. Als eigenbrötlerischer Geschäftsmann sammelt er mit großer Leidenschaft die Bonuspunkte von Puddingbechern, die sich zu Bonusmeilen addieren lassen. Doch es ereignen sich seltsame Dinge, die bereits vorausahnen lassen, dass es mit den autistischen Verhaltensmustern bald ein Ende haben wird. Vor Egans Augen ereignet sich ein spektakulärer Verkehrsunfall, kurz darauf landet wie aus heiterem Himmel ein altes Harmonium vor der Tür seiner Lagerhalle. Verstohlen schleppt Barry das Instrument in sein Büro. Warum auch immer.

Zu seiner großen Lebenserkenntnis gelangt Barry Egan irgendwann zwischen dem ersten feengleichen Auftauchen von Lena Leonard (Emily Watson) vor seiner Lagerhalle und einem Monstereinkauf von mehreren Paletten Healthy-Choice-Schokoladenpudding, mit dem er sich eine Million Freiflugmeilen sichern will. Egans Einsicht ist von donnergleicher Schlichtheit und lautet: Liebe ist die einzige Wahrheit. Es ist eine Liebe, die so stark macht, dass Egan zu ihrem Schutz zu einer tobsüchtigen Planierraupe werden kann. Eine Liebe, die so sehr für alles Schöne sensibilisiert, dass auf Sandlers/Barry Egans Gesicht noch bei der Berührung eines Vorschlaghammers ein entrückter Ausdruck von Zärtlichkeit erscheint. Tief drinnen ist Punch-Drunk Love bei aller Skurrilität also eine romantische Komödie; dass die Metaphorik dabei hin und wieder etwas misstönig klingt, ist nur Folge der gewollt halsbrecherischen Kollision der zwei gegensätzlichen Gefühlswelten von Anderson und Sandler.

Einmal, als Barry, nachdem er die häusliche Panoramafensterscheibe seiner Schwester mutwillig zerstört hat, seinem Zahnarzt-Schwager beichtet, dass er unter einem "Weinproblem" leide, bricht er gleich darauf unkontrolliert in Tränen aus. Wir sehen den Zusammenbruch eines Menschen, der durch die verknöcherten, spießigen oder auch nur langweiligen gesellschaftlichen Erwartungsraster gefallen ist und sich dafür immer nur selbst die Schuld gegeben hat. Kein Wunder, dass sich die Puddingbecher, die Barry so manisch sammelt, im Grunde zu einem Rausch der Ferne und des Ausbruchs addieren lassen.

Dem symbolisch aufgeladenen Froschregen aus Andersons Magnolia entspricht in Punch-Drunk Love der nicht minder kathartische aber wesentlich sympathischere Showdown zwischen Barry Egan und einem schmierigem Teppichhändler, Sexline-Betreiber und Erpresser (Philip Seymour Hoffman). Im Teppichlager praktizieren die beiden Hitzköpfe die hohe Kunst des Krieges als Stillstand. Zen als stumme Gewaltentladung mit angeschwollener Halsschlagader. Es ist nur eine weitere Facette in Andersons fantastischem Stilkauderwelsch. Wo Boogie Nights und Magnolia unter der Last der Narration ächzten, hat er in Punch- Drunk Love die seltsamen Tonwechsel gleich zum Stilmittel erkoren. So erhebt sich, während auf der Tonspur avantgardistische Percussionkompositionen zwischen John Cage und Steve Reich eine latente Unruhe verbreiten, Shelley Duvalls He needs me aus Robert Altmans Popeye- Adaption langsam zum Leitthema dieses überdrehten Liebesfilms.

Ohnehin scheint es Anderson mit Punch- Drunk Love zum Musical zu drängen. Die Farbpalette ist in Reminiszenz an die Technicolor-Musicals der frühen Fünfziger ziemlich ausladend gewählt. Wie ein etwas zu blauer Paradiesvogel sticht Sandler mit seinem Unfall von Anzug aus der tristen Vorstadtlandschaft des Fernando Valley hervor. Manchmal schwillt die Tonspur zu einer kitschigen Opulenz an, auf die eigentlich nur eine Tanzeinlage folgen kann – doch keiner will sich so recht trauen.

Und doch, ganz am Ende entpuppt sich Sandler in einem Anflug von Liebestrunkenheit im Supermarkt als verhinderter Gene Kelly. Es wird ein ziemlich hilfloses Gehopse und Geschwofe, jedoch voller Überschwang und Charme. Ein linkischer Ausbruch, aus dem die liebevolle Haltung eines Films spricht, der die Stieseligkeit und Verletzlichkeit seiner Figuren zum Stilprinzip macht. Es sind solche erzählerischen Herzrhythmusstörungen, die Andersons Figuren erst im rechten, ja im schmeichelhaften Musical-Licht erscheinen lasen. Punch-Drunk Love zeigt in letzter Konsequenz, dass nicht nur korrekte Schrittfolgen zu traumhaften Bewegungsabläufen führen können.