Welches deutsche Unternehmen darf sich trauen, mitten in der seit drei Jahren währenden Börsenbaisse seine Aktionäre zur Kasse zu bitten? Die Allianz. Wer führt die bislang größte Barkapitalerhöhung in Deutschland durch? Die Allianz. Und welche Aktien steigen trotzdem in der entscheidenden Woche vor dem Festzurren der Konditionen? Die der Allianz, und zwar fast um 20 Prozent. So nimmt der Münchner Versicherungsriese zusätzlich zu den angepeilten 3,5 Milliarden Euro knapp eine Milliarde mehr ein. Die "Unsinkbare", die Strippenzieherin der Deutschland AG - die Münchner wuchern mit ihrem Nimbus und finden Gehör bei den Investoren. Noch einmal scheint es, als führe die Allianz den Aktienmarkt am Zügel, und wie in der guten alten Zeit raunen die Börsianer: "Wenn die Allianz-Aktie dreht, dreht auch der Markt." Sie beklatschen die Kapitalerhöhung als den Befreiungsschlag für den Marktführer - und für den Dax.

Doch von Jubel, Trubel, Heiterkeit, von Überlegenheit kann keine Rede sein.

Auch wenn die vergangenen zehn Tage die glücklichsten der Allianz seit September 2001 gewesen sein dürften, als sich die Talfahrt an den Aktienmärkten dramatisch beschleunigte, ist eines unzweifelhaft: In München regiert die blanke Not. Wie ist es sonst zu erklären, dass der größte Versicherer Europas just an dem Tag die Kapitalerhöhung ankündigte, an dem der Krieg gegen den Irak begann? Verzweiflung ist der einzige plausible Grund für diesen höchst gewagten Schritt. Denn wenn ihre Aktien auf einem Zehnjahrestief notieren, versuchen Unternehmen in der Regel alle anderen Möglichkeiten auszunutzen, um an frisches Geld zu gelangen, bevor sie ihre sowieso schon gebeutelten Aktionäre zur Kasse bitten. Aber der Allianz blieb nur noch dieser Notausgang. Ihre eigenen Risikomodelle wiesen zum Jahresende 2002 ein Loch in der Eigenkapitalbasis in Höhe von 1,7 Milliarden Euro auf.

Ende März dürften es knapp 3 Milliarden Euro gewesen sein. Die Ratingagenturen, die ähnliche Rechenmodelle verwenden, schlugen Alarm. Jedes weitere Abrutschen der Kurse am Aktienmarkt drohte schließlich, das Loch noch zu vergrößern. Die Kapitalerhöhung war unumgänglich, um Spekulationen um Herabstufungen der Bonität der Allianz und Kapitalknappheit nicht noch weiter zu nähren. Ihre Reputation am internationalen Kapitalmarkt stand auf dem Spiel. Zu lange hatte sich das Unternehmen in der Sicherheit gewogen, die ursprünglich hohen stillen Reserven auf ihre Aktienpakete reichten aus, und dem Kursverfall tatenlos zugesehen.

"Es ist der Fluch des Erfolges", der die Kapitalerhöhung notwendig macht, heißt es auch Allianz-intern. Jahrelang waren die Münchner mit ihrer vergleichsweise hohen Aktienquote gut gefahren. Es gab kaum ein Unternehmen auf der Welt mit praller gefüllten Taschen. Aus und vorbei. Der Crash hat auch die Allianz, einst Synonym für Solidität, anfällig gemacht. Bei einem Dax-Stand von 3500 Zählern wäre Kapitalknappheit kein Thema, aber der Dax ist im März bis auf 2200 Punkte gerutscht und immer noch weit von der Marke 3000 entfernt.

Offiziell rechtfertigt die Allianz ihre Kapitalerhöhung mit der Verteidigung ihrer Kreditwürdigkeit im Ratingbereich "AA". Doch um eine Herabstufung auf ein simples "A" zu vermeiden, hätte man den Aktionären die Kraftanstrengung nicht zugemutet, urteilen Kenner des Versicherungsriesen. Die Finanzierungskosten in den beiden Kategorien unterscheiden sich nicht so gravierend. Viel schlimmer wäre der Absturz auf die nächstschlechtere Stufe "BBB" gewesen. Dann hätte die Allianz den Anschluss an ihre Wettbewerber verloren. Genau die Sorge, dass dies passieren könne, ist deshalb der plausiblere Grund für die kräftige Kapitalerhöhung.

Wie nervös die Stimmung bei der Allianz ist, zeigt auch der hektische Verkauf von Münchener-Rück-Titeln in den letzten Märztagen, der für Aufsehen in der Finanzszene sorgte. "Ziemlich tollpatschig" habe die Allianz ein größeres Paket auf den Markt geworfen, lästert ein Investmentbanker. Der einzige Zweck der Aktion: Die Beteiligung an dem befreundeten und einst hochgepäppelten Konzern unter 20 Prozent zu drücken. Damit entfällt bereits für das erste Quartal dieses Jahres die Konsolidierung. Den Gewinn oder Verlust der Münchener Rück muss die Allianz nun nicht mehr anteilig in ihrer Bilanz verbuchen. Die gegenseitige Abhängigkeit wurde damit stark reduziert und gleichzeitig Reserven gehoben. Aber warum die unprofessionelle Hektik?