Eines seiner liebsten Kunstwerke ist ein toter Hai hinter Glas. Die Augen aufgerissen, den Muskelkörper angespannt, durchquert der Riesenfisch das Becken – ein erhabenes Schreckensbild, das alles Schreckliche verloren hat. Der Jäger ist nur mehr ein Sammelstück, auf ewig eingelegt in grüne Konservierungssuppe. Für Charles Saatchi ist der Hai zum Wahrzeichen seiner gewaltigen Kollektion geworden, so etwas wie ein Wappentier. Kein anderer in der Kunstwelt wird gefürchtet wie dieser Sammler, viele erschrecken vor seiner Gier, vor seiner nervösen Unerbittlichkeit. Und doch wirkt seine Macht neuerdings wie erstarrt, die Zeit der Raubzüge ist vorüber.

Charles Saatchi, der immer das Radikale wollte und es atelierfrisch bekam, er mag es plötzlich gediegen und hat für seine Kunst ein Quartier aufgetan, das herrschaftlicher kaum sein könnte: das einstige Londoner Stadtparlament an der Themse, nicht weit von der Tate Modern entfernt. Schon seit Wochen berichten englische Zeitungen über die Eröffnung der Galerie an diesem Donnerstag, groß ist die Neugier, wie sich Saatchis Kunst nun ausnehmen wird, in einem Ambiente aus holzvertäfelten Wänden, Kaminen und Marmorböden. Sogar eine Art Pantheon gibt es, eine Rotunde für die bekanntesten Werke der Sammlung, den Hai von Damien Hirst, das zerwühlte Bett von Tracey Emin, den nackten Dead Dad aus Silikon von Ron Mueck. Alles, was einst schnellen Schock provozierte – es wird hier der Ewigkeit geweiht.

Zu einer Art Madame Tussaud’s soll sich die Galerie auswachsen, zu einem Kruditäten- und Kunstkabinett, das eine Million Besucher im Jahr erwartet. Saatchi liebt das große Publikum, er mag es, wenn alle über ihn reden, wenn sie über seine Macht spekulieren, sich erzählen, wie er ganze Ausstellungen aufkauft, wie er Künstler groß macht und wenig später ihre Werke wieder abstößt. Über keinen anderen Sammler wird so viel gemunkelt und gewispert, und er schürt das Geraune noch, indem er den Geheimnisvollen spielt. Gern lädt er ein zu ausladenden Champagnerpartys, über 1000 Gäste kommen, nur er nicht; gern inszeniert er für seine Kunst die dicksten Schlagzeilen und ist doch selbst derart pressescheu, dass es fast keine Fotos von ihm gibt. Saatchi überall – und nicht zu fassen.

Das war schon immer so, auch als die Kommunikation noch sein Beruf war, als er mit 27 Jahren eine Werbefirma gründete und sie zusammen mit seinem Bruder Maurice binnen weniger Jahre zu einem der erfolgreichsten Kampagnenkonzerne weltweit machte. So grandios war sein Talent für treffsichere Slogans, dass selbst Margaret Thatcher bei ihm Rat suchte und mit seinen Parolen – "Labour isn’t working" – drei Wahlkämpfe gewann. Damals war die Kunst für Saatchi noch eine Nebensache, seine Frau Doris nahm ihn mit in die Galerien, gemeinsam kauften sie Carl Andre, Donald Judd und andere Minimalisten. Auch für Warhol hatten sie etwas übrig, schließlich malte der jene Suppendosen, für die man selbst die Werbung machte. Doch Saatchis wahre Sammelleidenschaft entbrannte erst Ende der Achtziger, als er sich von Doris trennte und seine Firma zu schlingern begann. Zu der Zeit lebte im Londoner Osten eine Gruppe junger Künstler, allesamt Außenseiter, die das Schroffe und Schrille mochten und in alten Lagerhallen erste Ausstellungen zeigten. Saatchi erkannte sich in ihnen wieder.

Sie seien die Kinder der Thatcher-Zeit gewesen, hätten im Nichts beginnen müssen, ihnen sei kaum etwas anderes übrig geblieben, als ihr Heil in einer ungesehenen Kunst zu suchen – das schrieb Saatchi in einem seiner Kataloge, als wäre es eine Art Selbsterklärung. Geboren in Bagdad, hatte er mit seinen jüdischen Eltern fliehen müssen, er wuchs auf in London, ein Einwandererkind, das früh von der Schule abging und nicht wusste, was es mit sich anfangen sollte. Bis es irgendwann die Werbung entdeckte.

Hier lernte Saatchi, die Welt ganz einfach zu sehen, sie herunterzubrechen auf Botschaften, die nicht erst verdaut werden müssen. Und er begann Künstler zu sammeln, die dieser Werbelogik folgen, die sich wie er auf die Kunst des Einzeilers verstehen, auf Gewalt und Knalleffekt. Saatchi kaufte Köpfe aus Tiefkühlblut und Bilder aus Elefantenmist, fast 3000 Werke – und machte daraus kurzerhand eine Kampagne, erfand ein griffiges Label, eine Marke namens YBA. Bald waren diese Young British Artists in aller Munde und Saatchis Sammlung sorgte unter dem Titel Sensations für Aufregung in London, Berlin und New York.

Doch wie das so ist mit Spektakeln, sie verpuffen. Zu eingängig, zu geradeheraus sind viele der Werke, sie erfordern keine Geduld – und machen gerade deshalb das Publikum ungeduldig. Saatchi ließ zwar nicht locker, eifrig versuchte er, neue Trends zu erfinden. So recht mochte indes niemand mehr daran glauben. Ernüchterung stellte sich ein, viele merkten, dass YBA am Ende ein Inselphänomen geblieben war. In den anderen Museen der Welt sind Sarah Lucas oder Chris Ofili nie richtig angekommen.

Natürlich will Saatchi davon nichts wissen, er ist ein Beißer und macht unverdrossen weiter. Auch als er seine Werbefirma vor zehn Jahren verlassen musste, ließ er sich nicht beirren und gründete gleich eine neue Agentur; seit einiger Zeit spezialisiert sie sich darauf, vergessenen Markennamen frisches Leben einzuhauchen. Ebendies hat Saatchi nun mit YBA vor, er positioniert die Marke neu, verpasst ihr eine andere Verpackung. Wenn es aseptische Galerieräume nicht mehr tun, müssen neofeudale Prunksäle her. Wenn die Kunst selbst sich verbraucht hat, greift man zu neuen Kulissen. Und hilft selbst das nicht, wird halt alles verscherbelt. Auch das wäre Saatchi zuzutrauen.