Das am vergangenen Donnerstag geplünderte irakische Nationalmuseum verfügte über Kunstwerke des frühen Altertums von 7000 vor bis etwa 1000 nach Christus. Die Gesetzestafel des Hammurabi ist fortgeschafft worden, ebenso wie der 4300 Jahre alte Kupferkopf eines akkadischen Königs, der nach dessen Tod ähnlich zugerichtet worden war wie die Saddam-Bronzen heute. Es fehlen zahllose Statuen und noch unentzifferte Keilschrift-Tontafeln, 170000 Werke nach ersten Schätzungen insgesamt.

Die Bilanz ist grauenerregend. Die Spuren einer Vergangenheit sind geraubt worden, welche der islamischen Welt genauso gehört wie dem der Bibel verpflichteten Westen. Die gemeinsamen Wurzeln der islamischen und der jüdischen Zivilisation liegen im mesopotamischen Zweistromland, jetzt ist noch weniger davon übrig. Amerikanische Truppen sollen die Plünderungen nicht verhindert haben, Augenzeugen beklagen die Gleichgültigkeit der GIs, die sich vor dem Ölministerium postierten, nicht aber vor dem Nationalmuseum. Andere sagen, es sei schon geraubt worden, als die Koalitionspanzer gerade erst in die Bagdader Innenstadt einrollten.

Dass Tresore aufgeschlossen wurden, lässt auf lange Planung und auf die Mitwirkung von Museumsmitarbeitern schließen. 30 Jahre Gehirnwäsche durch die Baath-Partei haben das Verantwortungsbewusstsein von Teilen der irakischen Gesellschaft gegenüber ihrer Kultur offenbar zerrüttet, die Armut tat ein Übriges, die kriminelle Energie wusste den Augenblick zu nutzen. Andererseits berichten Museumsleute aus London, viel bedeutsames Gut sei schon vor den Bombardements in Sicherheit gebracht worden.

Zu den trostlosen Wahrheiten der Geschichte gehört, dass Kultur und Kleptomanie viel miteinander zu tun haben. Die kolonialistischen Kunstraubzüge des 19. Jahrhunderts – Grundlage des Ruhms westlicher Museen wie des Louvre, des British Museum, des Pergamon-Museums – wurden im Geist eines zivilisatorischen Missionarismus geführt. Sammeln, erhalten, auch Wertschätzung waren Motive dieser – natürlich völkerrechtswidrigen – Präventivschläge gegen den Verfall. Im Zweiten Weltkrieg war es ein Mittel zur Demütigung des Feindes, Kunstbeute zu machen.

Hinter den Plünderungen des irakischen Nationalmuseums verbirgt sich reine individuelle Gier, wenn man nicht eine Art Mundraub unterstellt. Aber aller Kunstraub wäre sinnlos, gäbe es nicht einen gefräßigen internationalen Kunstmarkt, der sich bereits über das zu erwartende neue Material freut. Dem Irak wird wenige Tage nach dem Verlust schon von westlichen Sammlern empfohlen, er möchte doch seine Ausfuhrregeln für Kulturgut lockern, die bisher so streng waren wie anderswo auch. Das wäre natürlich ein Weg, dem Irak beim Wiederaufbau zu helfen: durch eine nachträglich legitimierte Zerstreuung seiner Kunst in alle Welt, man kann auch sagen, durch beschleunigte kulturelle Entropie.