Okayama sagt: "Das Schnelle ist langsam, das Langsame schnell." Ein Paradoxon, das die Relativität von Bewegung umschreibt. Denn wohin trägt der schnelle Spurt, der richtungslos auf der Stelle tritt? Wie lange braucht das langsame, aber unbeirrbare Voranschreiten, um zum Ziel zu gelangen?

Okayama, der japanische Dichter aus dem Mittelalter, könnte die Musik von Beat Furrer gemeint haben, seine Aria von 1999 zum Beispiel, für Sopran und sechs Instrumente. Der erste Eindruck vermittelt hektische Betriebsamkeit, ein Durcheinanderwuseln von pochendem Klavier, japsenden Streichern, trippelndem Schlagzeug und einem etwas neurotischen Sopran. Der zweite Eindruck: Die Damen und Herren Instrumente haben widerstreitende Charaktere und beharren darauf, ungestört ihre eigenen Wege zu gehen. Der dritte Eindruck: Alles ist wie im wirklichen Leben, das scheinbar Unzusammenhängende verbindet sich zum vitalen Nebeneinander, bildet ein Gewebe an Beziehungen und Ergänzungen. Merkwürdigerweise ist hektische Betriebsamkeit nicht an Fülle, Dichte oder kleistriges Volumen gebunden, sondern kann, wie hier, die Leichtigkeit von tanzendem Staub annehmen.

Die interpretatorische Leistung des Ensemble Recherche (Kairos 12322, Helikon) besteht darin, das Heterogene zu befrieden, das dichte Gewimmel durchhörbar zu halten und dem Notentext den Atem des Lebendigen einzuhauchen.

Die Stimme ist hier einmal nicht die selbstverständliche Herrscherin des Spielfeldes, sondern Instrument unter Instrumenten.

Sämtliche Stücke von Furrer durchzieht die Nervosität der Moderne. Sie stehen damit seltsam quer zu dem Menschen Furrer, der sich äußerst unaufgeregt bewegt, nur sehr bedächtig spricht und seine wohlklingende Stimme selten einmal über ein Pianissimo erhebt. Quirlig sind seine Stücke, unabhängig davon, wie viele Instrumente beschäftigt sind. Deutlich wird das an dem Geschwisterstück zu Aria, genannt Solo für Violoncello.

Der Titel ist eine hemmungslose Untertreibung, denn es klingt, als würde wenigstens ein Quartett loslegen. Es ist aber Lucas Fels allein, der das Feuerwerk von prasselnden Bogenhaarschlägen, aufjaulenden Strichen und klackernden Pizzikati entfacht. Die rasche Abfolge von Spieltechniken erfordert eine Virtuosität eigener Art, in etwa so, als würde man Tischtennis, Stabhochsprung und Hürdenlauf zugleich praktizieren. Dieser Hochleistungssport täuscht darüber hinweg, dass sich die Form in ruhigen, gemessenen Schritten rundet und der Hörer schließlich erfährt: Okayama hat Recht.