Rot und Weiß beherrschen den Anfang, rot wie Feuer und Blutrausch, weiß wie Schnee und Unschuld. Im Herzen der Finsternis, Apocalypse Now im Kosovo: Ein amerikanischer Kämpfer als Einmannkommando beseitigt einen serbischen General. Mit dem Messer kämpft er gegen Granaten und Maschinengewehre, mitten in einem Massaker an der Zivilbevölkerung.

In gleißender Wintersonne in British Columbia: Ein Mann läuft durch verschneite Wälder, befreit einen weißen Wolf aus der Falle, behandelt seine Wunde und entlässt ihn in die freie Wildbahn.

Vor diesen beiden Szenen schlägt Johnny Cash den Ton an, unter dem Vorspann mit bedeutungsschwangerer Grabesstimme und den Versen Bob Dylans: " Oh, God said to Abraham, ‚Kill me a son … out on Highway 61.‘" Danach erhält der Soldat die Tapferkeitsmedaille, leidet unter Albträumen, macht sich zu einem privaten Kreuzzug auf. Seine Opfer sind Jäger in der Wildnis von Oregon, schwer bewaffnet und hoch gerüstet, als wollten sie einen weiteren Schurkenstaat dieser Erde befreien. Seine scharfe Klinge erledigt sie in chirurgischer Präzisionsarbeit. Eine Geisterstimme aus dem Nichts erklärt, dass sie keine Sportsleute seien, weil sie die Tiere des Waldes nur aus Mordlust jagten.

Geht es in William Friedkins Film Die Stunde des Jägers um den Dank Bambis, weil die Hirsche gerettet werden, oder um ein Katz-und-Maus-Spiel in biblischen Dimensionen? Ist dies der Amoklauf eines wahnsinnigen Killers oder der Werbefilm für eine militante Tierschutzorganisation? Oder gar subtile Kritik am Kriegsverhalten der auserwählten Nation USA: Bei der Ausbildung für die beste Armee der Welt stellt man sich gern die Bestnoten für Professionalität und Effektivität aus. Geht etwas schief, macht man sich ans Werk, ohne die geringsten Selbstzweifel, mit denselben bewährten Mitteln den Schaden aus der Welt zu räumen.

Der mit dem Wolf flüstert, ist der frühere Ausbilder im Nahkampf L. T. Bonham (Tommy Lee Jones); der Rambo Aaron Hallam (Benicio Del Toro) war sein bester Schüler. Das FBI, mit dem schicken Model Connie Nielsen als Anführerin, ist machtlos und muss Bonham reaktivieren, um das Mord-Monster wieder unschädlich zu machen. Die Außenaufnahmen ziehen einen ins Geschehen hinein: Die Wildnis lebt und strahlt Schönheit und Bedrohung aus. Nur die Figuren darin agieren immer wunderlicher. Anfangs fallen die ehernen Zeilen, die Tommy Lee Jones zum Besten zu geben hat, nicht so ins Gewicht. "Schön ruhig bleiben", mahnt er, und der Wolf in der Falle bleibt schön ruhig. Seinen zum Killer mutierten Schüler hatte er darin ausgebildet, "Spuren zu finden wie ein Bluthund und zu töten wie ein Piranha". Auf die Jagd nach ihm macht er sich, allein mit dem Satz bewaffnet: "Wenn ich in zwei Tagen nicht zurück bin, bin ich tot." Damit ist der Film in der Gegenwart angekommen.

Es könnte sich ein fantasievolles Spiel entwickeln zwischen Lehrer/Schüler, Vater/Sohn (Abraham und Isaak), die in Liebe und Hass miteinander verbunden sind. Der Knoten zum Killer-Thriller ist geschürzt, doch abgewickelt wird nur ein einziger dünner Handlungsfaden. Die Handschrift des Autorenpaares David und Peter Griffiths, das auch das Schwarzenegger-Vehikel Collateral Damage zu verantworten hat, wird erkennbar. Bonham findet Hallam schon nach ein paar Minuten, und in den restlichen zwei Dritteln des Filmes verläuft alles am Gängelband des Schemas: Gefangennahme, Flucht, Verfolgung, Gefangennahme, Flucht, Verfolgung… eine Endlosschleife bis zum Ende.

Regisseur William Friedkin galt einst als Wunderknabe. Ihm hat der Genrefilm der siebziger Jahre einige Highlights zu verdanken: French Connection mit atemberaubenden Verfolgungsjagden, Der Exorzist mit dem Kampf des Guten gegen das Böse. In Die Stunde des Jägers nun, wo es um intelligente Schachzüge von Jäger und Gejagtem gehen müsste, wird dem Zuschauer jede Lust vorenthalten, auch einmal selbst etwas aufzuspüren. Es werden zwar Züge und Straßenbahnen, Autos und Fahrräder aufgeboten, doch in der Erinnerung an Friedkins frühere meisterhafte Verfolgungsjagden wirkt das alles wie eine unfreiwillige Selbstparodie. Beim Handgemenge zwischen Lehrer und Schüler muss der Superspezialist im Nahkampf alle wichtigen Lektionen des Ausbildungsprogramms vergessen, damit er den rüstigen Rentner, der doppelt so alt ist wie er, nicht unterkriegen kann. Wo es einzig um einen "harten Männer-Film" gehen soll, reicht die Geschichte nie tiefer als bis zu dem Motiv des Kampfes Raubtier gegen Raubtier. Die Großstadt wird zum Dschungel, auf dass die Waffen klirren und die Metaphern klappern.

Einmal halten beide gleichzeitig inne, um sich aus Alteisen und Felsbrocken ein Messer und eine Lanze zu schmieden. Und das in einem Moment, als Bonham gerade aus dem FBI-Hauptquartier gekommen ist – archaisches Verhalten soll auch im Park von Portland herrschen. Dafür bleiben Wahrheit und Wahrscheinlichkeit auf der Strecke, und Jäger und Gejagter laufen immer absurder ins Leere. Aber es hüllt sie das Mäntelchen des Mythos ein: Wenn jeder bei null anfängt, hat auch jeder die gleiche Chance, und das Recht des Stärkeren setzt sich durch.