Die Verdoppelung der USA

Mit dem Kauf der spanisch-französischen Kolonie Louisiana vor 200 Jahren begann der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Großmacht von Ronald D. Gerste

Der französische Finanzminister liebte Amerika. François de Barbé-Marbois war sechs Jahre seines Lebens Sekretär der Pariser Gesandtschaft in den USA gewesen und schätzte seither die politischen Institutionen sowie die individuelle Freiheit dort. Mit zwei zukünftigen Präsidenten hatte er damals eine Freundschaft angeknüpft, und auch die Tatsache, dass er eine gleichermaßen hübsche wie wohlhabende junge Dame aus Philadelphia ehelichte, dürfte zu seinem günstigen Amerika-Bild nicht wenig beigetragen haben.

Für einen Vertreter der politischen Klasse des Alten Europas war es im Frühjahr 1803 noch leicht, Amerika zu lieben. Die junge Nation jenseits des Atlantiks, gerade mal 20 Jahre alt, stellte im internationalen Kräftespiel nur eine Größe zweiter Ordnung dar und verfügte über eine Militärmacht von 3000 Soldaten inklusive Kapelle. Ihr Präsident Thomas Jefferson erfreute sich diesseits des Atlantiks großer Sympathie. Er galt als Intellektueller und Mann von Welt, der einst als amerikanischer Gesandter in Paris die Lebensart der ersten Nation Europas zu schätzen gelernt und bei einer Reise entlang des Rheines auch an Deutschland Gefallen gefunden hatte. Zudem hielt sich Amerika aus allen internationalen Konflikten heraus, während Frankreich just dem Zenit seiner imperialen Entfaltung entgegenstrebte – an seiner Spitze stand, damals noch als Erster Konsul, Napoleon Bonaparte.

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Doch selbst die innige Zuneigung François de Barbé-Marbois’ zu den Vereinigten Staaten konnte kaum erklären, warum der Finanzminister am Abend des 13. April 1803 so buchstäblich vom diplomatischen Weg abwich. Als er bei einem Spaziergang am Haus der amerikanischen Gesandtschaft "zufällig" vorbeikam, betrat er deren Gelände, ging aber keineswegs auf das Portal zu, sondern stiefelte zielstrebig durch die Blumenbeete hindurch, um am Fenster des Speisezimmers zu spionieren. Ein Bediensteter entdeckte den Voyeur, der von den Diplomaten, die an der Tafel versammelt waren, auch sofort erkannt wurde. Man bat Barbé-Marbois herein, der ein wenig Verlegenheit heuchelte, dann aber das Angebot, doch auf einen Cognac zu bleiben, freudig annahm. Binnen kurzem saß er mit dem amerikanischen Gesandten, Robert Livingston, und dem gerade erst in Paris eingetroffenen Sonderbotschafter Präsident Jeffersons, James Monroe, zusammen. Ein Wort machte die Runde, das auf die Männer eine ebenso vitalisierende Wirkung ausübte wie die geisthaltigen Getränke in ihren Gläsern: Louisiana.

Napoleon plant am Mississippi ein Neues Frankreich

Schon seit Tagen ging es um nichts anderes mehr zwischen den USA und Frankreich. Louisiana, das große Land im Westen und Südwesten der jungen Republik westlich des Mississippis und rund um das Delta des gewaltigen Stroms, war zum Tor Amerikas in die Zukunft geworden, und Frankreich hatte den Schlüssel dazu. Denn seit der Unabhängigkeit waren Tausende Europäer in die Western Territories jenseits des Appalachen-Gebirges eingewandert und hatten dort neue Staaten gegründet, zunächst Kentucky (1792) und Tennessee (1796), in jenem Jahr 1803 Ohio. Um mit ihren Produkten die großen Märkte diesseits und jenseits des Atlantiks zu erreichen, war der Mississippi für die Farmer und Fallensteller, für die Manufakturen und Brennereien in dieser Region essenziell. Beherrscht wurde das Gebiet von New Orleans aus. Die französisch geprägte Stadt und mit ihr die gesamte Kolonie Louisiana waren 1762 vom bourbonischen Frankreich zwar an Spanien abgetreten worden, doch hegten die Amerikaner zu Beginn des Jahrhunderts die Vermutung, das neue Frankreich könne auf eine Revision drängen. Mit dem schwächelnden Spanien als westlichem Nachbarn war man gut ausgekommen, doch das napoleonische Reich an seine Stelle treten zu sehen war für amerikanische Staatsmänner eine eher beunruhigende Aussicht. Selbst der durch und durch frankophile Thomas Jefferson sah eine solche Entwicklung mit Schrecken: "Es gibt auf dem Globus einen einzigen Fleck, dessen Besitzer unser natürlicher Feind ist. Es ist New Orleans, das die Produkte von drei Achtel unseres Territoriums auf dem Weg zu den Märkten passieren müssen. Wenn Frankreich sich in diese Tür stellt, löst dies bei uns das Gefühl der Abwehr aus."

Was die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Ihre Befürchtungen waren längst Wirklichkeit geworden. Am 1. Oktober 1800 hatte Frankreich "die Kolonie oder Provinz Louisiana" inklusive New Orleans, der einzigen nennenswerten Stadt auf dem riesigen Territorium, in einer geheimen Zusatzklausel zum Vertrag von San Ildefonso von Spanien erworben. Napoleons Plan: Nach der Niederschlagung des Aufstandes in der französischen Kolonie auf Haiti (wo der Freiheitskämpfer Toussaint L’Ouverture als erster Lateinamerikaner das Joch der Sklaverei und der Kolonisation abschütteln wollte) sollte das dorthin entsandte, 20000 Mann starke Expeditions-Corps unter Napoleons Schwager General Charles Leclerc aufs amerikanische Festland übersetzen. Leclerc hatte den Auftrag, Louisiana auch militärisch für Paris in Besitz zu nehmen und dort eine lebensfähige Nouvelle France zu errichten.

Dass den USA dieses Unternehmen erspart blieb, verdankte es einem kleinen Verbündeten, auf den eigentlich, wie der Historiker Thomas Fleming einmal schrieb, an jedem 4.Juli ein Toast ausgebracht werden sollte: Aedes aegypti . Die Stechmücke überträgt das Gelbfieber, welches die französische Armee auf der Karibikinsel gnadenlos dezimierte. Auch Leclerc sah die Heimat nie wieder. Napoleons kolonialer Enthusiasmus ließ rapide nach: "Verdammter Zucker! Verdammter Kaffee! Verdammte Kolonien!"

Dennoch erschien Jefferson und seinem Außenminister James Madison – sie hatten Anfang 1802 vom spanisch-französischen Geheimabkommen erfahren – ein radikaler Kurswechsel der amerikanischen Außenpolitik erwägenswert. Der Isolationismus der ersten Jahre und das Misstrauen gegen ein stehendes Heer konnten angesichts der potenziellen Bedrohung fatale Folgen haben. Jefferson, lange Jahre ein erbitterter Gegner Großbritanniens, sinnierte plötzlich laut vernehmbar, dass man sich möglicherweise mit der "englischen Nation und Flotte verheiraten" müsse. An Botschafter Livingston in Paris erging die Anweisung, mehr als nur subtil eine Aussöhnung der USA mit dem einstigen Mutterland anzudeuten, gleichzeitig aber herauszufinden, ob man den Franzosen nicht New Orleans und sein (in der Ausdehnung nicht definiertes) Umland abkaufen könnte.

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