Wenn Anne Donath abends Licht braucht, greift sie in eine Schublade. Dort liegen die Streichhölzer für die Kerzen. Wenn sie im Sommer etwas kochen möchte, geht sie vor die Tür. Dort ist die Feuerstelle, drei große Steine, auf denen der Topf steht. Wenn sie in ihrem Haus vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer will und von dort in die Küche, muss sie sich bloß einmal drehen. Es gibt nur ein Zimmer.

Das Haus der Anne Donath ist aus Holz und eher eine Hütte, vier Schritte lang, vier Schritte breit. Es hat zwar moderne Dachziegel, wie sie der Bebauungsplan für diese Gegend vorsieht, doch so zu wohnen ist im Lebensplan der Menschen nicht vorgesehen. Die Menschen hier leben in Massivbauhäusern und fahren Mercedes. Sie haben große Gärten und mähen samstags den Rasen, sie haben Vermögen und schauen abends im Fernsehen Wer wird Millionär?. Anne Donaths Leben aber ist geprägt vom Nichthaben. Kein Strom. Kein Telefon. Kein Gas. Und erst recht kein Auto.

So lebt Anne Donath. Mitten in einer Einfamilienhaussiedlung. Mitten in einem oberschwäbischen Dorf. Und auf einmal auch mitten in einer gesellschaftlichen Debatte, die vor allem von einem Wort geprägt ist: Verzicht.

Jahrzehntelang haben die Politiker in Deutschland den Menschen versichert, dass ihr Leben auch im Alter geordnet verlaufen werde, dass ihre Rente sicher sei. Nun erfahren diese Menschen, dass sie besser privat fürs Alter vorsorgen. Nur wie? Mit Aktien haben viele viel Geld verloren. Die Lebensversicherungen zahlen weniger aus, als sie versprochen haben. Wie ein Bausparvertrag funktioniert, hat sowieso noch nie jemand durchschaut. Nur jeder Achte, heißt es in einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung, hat sich schon einmal Gedanken gemacht, wie viel Geld er im Ruhestand eigentlich braucht.

Anne Donath hat nachgedacht. Sie hat überlegt, was sie zum Leben braucht und wie viel sie das kostet. Vor zehn Jahren nahm sie einen Kredit auf und kaufte sich dafür ein Grundstück, sie setzte ihr Blockhaus drauf und zahlte peu à peu den Kredit zurück. Heute lebt sie von 370 Euro im Monat, dafür geht sie arbeiten. "Ich habe", sagt die 54-Jährige, "meine Lebensumstände vereinfacht."

Vereinfachte Lebensumstände sind es zum Beispiel, wenn Anne Donath im Urlaub nach Griechenland will, aber nicht das Flugzeug, nicht die Bahn nimmt – sondern mit dem Fahrrad fährt. Vereinfachte Lebensumstände sind es auch, wenn dieses Fahrrad kein Mountainbike ist, kein Ultraleichtmodell mit 36 Gängen, mit dem man die Alpen in Richtung Süden überquert. Anne Donath ist vergangenes Jahr mit dem Fahrrad gefahren, das sie sonst auch benutzt: ein altes, kleines BMX-Rad, ohne Gangschaltung; nur einen neuen Sattel hat sie sich gegönnt. Bergauf musste sie schieben.

So eine liegt uns auf der Tasche, sagen ein paar Leute im Ort

Es ist ein extremes Bild, das diese Frau den Menschen bietet, wie bei einem Zerrspiegel, in den man hineinschaut und nichts Vertrautes sieht, nur Sonderbares. Und wenn etwas sonderbar ist, schreckt es die meisten Menschen erst einmal ab. So eine liegt uns auf der Tasche, wenn das alle machen würden, wäre unsere Wirtschaft bald am Ende, sagen die einen im Ort. Es ist gut, dass sie wenigstens arbeitet, sagen die anderen, dort kann sie ab und zu duschen, und ein warmes Essen bekommt sie auch.