Zheng Zhang wollte vor ihrer Doktorprüfung im amerikanischen Birmingham nur noch einmal fünf Wochen ihre Eltern in China besuchen. Ihre Versuchsmäuse an der University of Alabama mussten ohnehin noch etwas wachsen. Doch aus fünf Wochen wurden vier Monate Zwangsurlaub. Das amerikanische Konsulat in Peking hatte Zhangs Antrag auf Visumverlängerung nach Washington geschickt. Stammzellforschung war den Beamten suspekt. Sie forderten eine security clearance durch FBI und CIA an. Als Zhang in der vorvergangenen Woche endlich nach Amerika zurückkehren durfte, hatte sich einiges verändert: die Gehaltszahlungen gestoppt, ihr Konto leer, die Mäuse tot.

Fast jede amerikanische Universität bekommt in diesen Wochen E-Mails und Anrufe aus dem Ausland – von ihren eigenen Studenten und Professoren. Es sind Hilferufe ausländischer Wissenschaftler, die an amerikanischen Universitäten forschen oder studieren und für einen Urlaub, eine Konferenz oder eine Beerdigung ins Ausland fuhren. Viele waren einst mit einem Einreisevisum, das inzwischen abgelaufen ist, ins Land gelangt. Früher gab es damit, war man im Besitz einer gültigen Aufenthaltsbewilligung, kaum Schwierigkeiten. Wer ausreiste, beantragte einfach ein Visum zur Wiedereinreise: ein paar Tage Wartezeit. Heute jedoch bleiben diese Anträge bei den Behörden liegen. Vielen wird die Wiedereinreise vorerst verwehrt – Aufenthaltsgenehmigung hin oder her.

Antiterrorgesetze, ausufernde Bürokratie und strenge Beamte verzögern die Verfahren oft um mehrere Monate – für viele Forscher eine Ewigkeit. "Ich habe noch Glück gehabt", sagt Zhang. Ein Kommilitone, der in Ägypten festsaß, konnte die Wohnung nicht mehr bezahlen. Freunde verkauften sein Auto und verschifften seinen Haushalt nach Kairo.

Deutsche in der Warteschleife

Die Behördenwillkür trifft Spitzenforscher ebenso wie Doktoranden und Studenten, Chinesen genauso wie Russen, Araber und Europäer. Schon beginnen Forscher, sich in anderen Ländern nach Stellen umzuschauen. Und durch Amerikas Forschungsinstitute geistert eine Schreckensvision: Verprellt von bürokratischen Scherereien, könnten viele kluge Köpfe kehrtmachen und andere Häfen ansteuern.

Bereits im vergangenen Dezember veröffentlichte die National Academy of Sciences einen Brandbrief ihres Präsidenten Bruce Alberts, mitunterzeichnet vom Dachverband der Ingenieure und vom Institute of Medicine. "Es muss sofort etwas geschehen", heißt es darin. Die verschärften Einreisebestimmungen hätten "ernste, unbeabsichtigte Folgen für Amerikas Wissenschaft". Die USA drohten ihre Führungsrolle in der Forschung zu verlieren. Und kürzlich schlugen auch 32 Kongressabgeordnete Alarm. "Wir haben nichts gegen eine verschärfte Überprüfung von Visumanträgen", schrieben sie an Colin Powell, "aber Kontrollen, die unnötig den wissenschaftlichen Austausch behindern, … schaden unserem Land."

Wie in keinem anderen Land der Welt hängt die Wissenschaft in den Vereinigten Staaten von Ausländern ab. In den Master- und Promotionsstudiengängen der Natur- und Ingenieurwissenschaften kommt jeder dritte Student aus dem Ausland. In der Physik ist es sogar jeder zweite. Insgesamt studieren 580000 Studenten ohne amerikanischen Pass an US-Hochschulen. Die meisten stammen aus China, Indien, Korea und Japan. Hinzu kommen fast 86000 ausländische Gastdozenten, darunter 16000 Chinesen und – auf Platz fünf – 5000 Deutsche. Ohne sie würde der Forschungs- und Lehrbetrieb zusammenbrechen. Umgekehrt gilt: Wer als Naturwissenschaftler in Deutschland Karriere machen will, sollte mindestens ein Jahr in Amerika geforscht haben. Viele kommen erst gar nicht zurück – trotz der Rückrufaktionen von Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn. Doch was Bulmahn nicht geschafft hat, könnten nun amerikanische Behörden erledigen.

Denn die strengen Visumbestimmungen treffen nicht nur potenziell verdächtige Chinesen, Pakistani und Ägypter, sondern auch brave Deutsche aus der Pfalz: An der University of California in Berkeley beleuchtete Stefan Gilb im vergangenen Jahr einzelne Atome mit kurzen Laserpulsen – reine Grundlagenforschung. Dann kam ein Schreiben aus Deutschland. Er sollte im Oktober im Frankfurter US-Konsulat persönlich vorsprechen, um sein Visum verlängern zu lassen. "Reine Formsache", versicherte man ihm dort.