Viele meiner russischen Landsleute, die ich vor zwölf Jahren in einem Ausländerheim in Berlin kennen lernte, konnten sich erfolgreich in ihrem neuen Leben behaupten. Nur deutsche Staatsbürger zu werden, haben die meisten bisher noch nicht geschafft. Warum eigentlich? Die rechtliche Grundlage dafür ist vorhanden, die Zeit ist reif, man braucht nur die üblichen hundert Zettel zusammenzupacken und zu den Behörden zu gehen. Einige kamen durch den Gesetzesdschungel, mehrere sind dort stecken geblieben beziehungsweise seit Jahren in den Ämtern unterwegs. Mein alter Freund Dmitri Feldman, der zusammen mit seinem Bruder die größte russischsprachige Zeitung in Deutschland Russkaja Germania herausgibt, weiß darüber gut Bescheid, zumal er vor einem Jahr in den Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt wurde. Feldman ist dort für die so genannten Integrationsfragen zuständig. Zu seiner Sprechstunde kommen fast ausschließlich Leute, die in ihrem Papierkampf nicht weiterkommen. Es sind immer fast aussichtslose Situationen.

Neulich klagte eine Mutter, ihre zwölfjährige Tochter könne nicht eingebürgert werden, weil die zuständige Behörde ein Zeugnis für die erste und zweite Klasse der Grundschule über ihre Deutschkenntnisse verlange, die Tochter aber nur ein Zeugnis der vierten Klasse besitze. "Wir brauchen aber auch eins von der ersten Klasse, so sind die Gesetze", meinte der Beamte. Die Schule weigerte sich jedoch, solche Zeugnisse auszustellen, und behauptete, so etwas wie eine Sprachprüfung gebe es in den ersten Klassen noch gar nicht. Die Mutter lief hin und her. Unser Freund Feldman konnte ihr nicht helfen. Er konnte aber mit dem Berliner Innensenator einen Termin vereinbaren und ihm sagen: Wenn das Mädchen ein Zeugnis von der vierten Klasse hat, dann heißt das, dass sie Deutsch kann, sonst würde sie es gar nicht bis zur vierten Klasse schaffen.

Sie haben vollkommen Recht, meinte der Innensenator, das ist Unsinn! Aber so sind die Gesetze, und auch ein Senator kann sie nicht ändern! Zu jedem Gesetz, das eine Einbürgerung ermöglicht, findet sich eins, das diese Einbürgerung verhindert. Zum Beispiel dies, dass die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger kein Recht auf Einbürgerung haben. Es gilt aber nur in Berlin-Brandenburg. "Warum dürfen die Arbeitslosen in München, Hamburg und Stuttgart eingebürgert werden und in Berlin nicht?", fragte Feldman den Innensenator. Weil Deutschland ein demokratisches und föderalistisches Land ist, wo jedes Bundesland seine eigenen Gesetze entwickeln kann. Und sich diese Freiheit zu nehmen, will das Land Berlin nicht versäumen, war die Antwort. Der Arbeitslose hat hier also kein Recht auf Einbürgerung. Und wer nicht arbeitslos ist, kann es jederzeit werden.

Wie tröstlich: Der vornehme Berater hat selbst nur einen Fremdenpass

Eine ältere Frau, die in Berlin jahrelang als Krankenschwester geschuftet hat, wartete Jahre auf einen Bescheid vom Ausländerbeauftragten. Es kam nichts. Dann wurde sie entlassen. Sofort meldete sich die Behörde bei ihr: Sie könne nicht eingebürgert werden, da sie ja nun arbeitslos sei. Es geht hier um Menschen, die eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis haben, die Deutschland von ihrem Aufenthalt also wohl sowieso nie mehr befreien werden – ob mit oder ohne einen deutschen Pass. Für eine 55-jährige Krankenschwester einen Job zu finden ist in Berlin eine ziemlich unmögliche Sache. Aber Gesetz ist Gesetz.

Feldman kann dieser Frau auch nicht helfen, aber er weiß inzwischen, wie er seine Landsleute in gute Laune versetzen kann. "Schauen Sie mich an!", sagt er in solchen hoffnungslosen Fällen. "Ich lebe seit zwölf Jahren hier, ich habe eine große Zeitung auf die Beine gestellt und führe Sprechstunden in der jüdischen Gemeinde durch zu Fragen der Integration. Aber auch ich habe keine Einbürgerung, nur einen Fremdenpass, genau wie Sie." Die Besucher fühlen sich dann nicht mehr als Außenseiter, die ungerecht behandelt wurden. Wenn selbst der Mann mit der schicken Krawatte keinen normalen Pass hat – dann sieht das schon fast nach Gerechtigkeit aus.

Feldman kam wie ich 1990 mit seiner Familie nach Berlin. Er wurde als jüdischer Kontingentflüchtling anerkannt und durfte ausnahmsweise nicht erst nach zehn, sondern schon nach acht Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen. Sein Pech ist nur, das er in Wilmersdorf wohnt, dort herrschen eigene Gesetze. Vor vier Jahren fand in einer Wilmersdorfer Straße eine Schießerei statt. In der Zeitung stand, dass russische Zuhälter ihre Einflusszonen im Rotlicht-Milieu mit der Waffe aufteilten, es gab zwei Tote. Am nächsten Tag erschien Feldman mit seiner Frau beim Bezirksamt, um einen Antrag auf Einbürgerung zu stellen. Die erste Frage, die der Beamte ihm stellte, war, ob er gestern dabei gewesen sei.

Zurzeit warten in Deutschland 30000 Menschen auf ihre Einbürgerung