Ausweiskontrolle Gesetz ist GesetzSeite 2/2

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Der einstige Beamte ist längst befördert worden, Feldman ruft jetzt einmal im Jahr im Bezirksamt Wilmersdorf an und fragt, wie es um seine Einbürgerung bestellt sei. »Ich bin erst seit anderthalb Jahren hier, ich muss mich erst einarbeiten«, sagte ihm neulich eine Beamtin. Feldman drohte, sich zu beschweren. »Wenn Sie eine Beschwerde schreiben, werde ich darauf antworten müssen, das nimmt viel Zeit in Anspruch, und einer Ihrer Landsleute wird deswegen auf seine Einbürgerung noch länger warten müssen«, bekam er zur Antwort. Man munkelt, dass sich in Wilmersdorf und Schöneberg viele reiche Russen niedergelassen haben, deswegen gehen die Beamten dort mit den Einbürgerungsanträgen nun sehr vorsichtig um – sie fassen sie erst gar nicht an. Diese Russen werden sicherlich nicht arbeitslos, aber vielleicht werden sie sich irgendwann mal als Mafiosi entpuppen. Wer weiß?

Bei uns in Ostberlin geht die Sache mit der Einbürgerung recht zügig. Meine Frau und ich haben bis zum letzten Moment gezögert, weil man sich den Ärger mit den deutschen Behörden eigentlich gern ersparen will. Immerhin haben wir es geschafft, zwölf Jahre ohne diesen Pass, mit einem Reisedokument für Staatenlose, ausgestellt von der deutschen Ausländerbehörde, zu überleben – und fühlten uns dabei ganz wohl. Wir konnten uns als Kontingentflüchtlinge fast überall in Europa frei bewegen. Dann aber wurde das Reisedokument nicht mehr verlängert, wir mussten zum Bezirksamt, um unseren Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit geltend zu machen… Schon nach sechs Wochen waren wir eingebürgert, nur unter falschen Namen und ohne die Kinder. Dafür gab es natürlich auch gesetzliche Grunde. Die ausländischen Namen dürfen in Deutschland nur nach der Iso-Norm in die Dokumente eingetragen werden, also heiße ich zurzeit nicht mehr Kaminer, sondern Kamjenier, und meine Frau heißt wie eine Außerirdische: Ol’ga Grigor Evna.

Eigentlich hätten wir noch, um die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen, eine Bescheinigung vorlegen müssen, dass wir die russische nicht mehr besitzen. Da wir aber noch aus der Sowjetunion ausgereist waren und die russische Staatsangehörigkeit nie beantragt hatten, besaßen wir einen Flüchtlingsstatus und mussten diese Sache nicht extra von den russischen Behörden bescheinigen lassen. Diese Prozedur hätte nach russischem Recht Jahre gedauert und wahrscheinlich mit einem Desaster geendet, weil wir in Russland nicht angemeldet sind. Unsere Kinder aber, die in Deutschland geboren sind und nie in Russland waren, wurden logischerweise nicht als Flüchtlinge anerkannt. Also mussten die Kinder eine Bescheinigung vorlegen, dass sie die russische Staatsangehörigkeit besitzen beziehungsweise nicht besitzen. Oder sie müssen jetzt bis zu ihrem 16. Lebensjahr warten und dann mal sehen, was kommt. Die russische Seite sagt zwar, dass es eine solche Bescheinigung einer Nichtstaatsangehörigkeit nicht gibt, sie will das aber niemandem schriftlich bescheinigen.

Trotz dieser Schwierigkeiten bricht unser Kontakt zu den deutschen Behörden nicht ab. Wir sind ja deutsche Staatsbürger geworden (zwar mit vorläufigen Ausweisen, falschen Namen und staatenlosen ausländischen Kindern), aber was soll’s, es führt kein Weg zurück. Wir haben auch keine Angst vor den Beamten an sich, wir wissen, dass sie nicht bösartig und manchmal privat sogar ganz nett sind. Sie müssen überhaupt nicht über ihre Arbeit nachdenken, nur mit dem Gesetzgeber im Reinen sein und den Vorschriften folgen. Und ich weiß, früher oder später werden wir und die meisten anderen es schaffen. Zurzeit warten über 30000 Menschen aus aller Welt auf ihre Einbürgerung in Deutschland. Wie viele Beamten damit beschäftigt sind, ist mir unbekannt. Wir haben jedoch vor vier Monaten eine Namensänderung beantragt, um die geheimnisvolle Iso-Norm wieder aus unseren Namen rauszukriegen. Dafür musste ich zehn Seiten Formulare ausfüllen und eine ganze Pappkiste mit Verdienstbescheinigungen, Steuererklärungen, beglaubigten Adressen meiner Eltern und Großeltern liefern. Der zuständige Beamte versicherte uns mehrmals am Telefon, dass unsere Akte auf seinem Tisch ganz vorne liege. Wir hoffen, es geht ihr gut.

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Von Wladimir Kaminer, Autor des Buchs »Russendisko«, erschien zuletzt: »Die Reise nach Trulala« (Goldmann-Verlag)

 
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