Die wenigen Klischees sind schnell erzählt. Das Kruzifix gehört dazu. Unübersehbar hängt es über dem Schreibtisch des bayerischen Landrats. Der selbst ist ein Mann, wie man sich einen Bayern in den Mittfünfzigern so vorstellt: stämmige Figur, durchdringend in der Art, irgendwie gemütlich. Natürlich ist er überzeugtes Mitglied der CSU.

Und doch ist Albert Löhner, Landrat in Neumarkt in der Oberpfalz, anders als die meisten seiner Kollegen. Wenn die Mutter Gottes, die ebenfalls wenig dezent sein Dienstzimmer schmückt, ihren Blick könnte schweifen lassen, ihr würde sofort ein Agenda 21- Plakat neben der Eingangstür ins Auge fallen. Sie würde Stapel von Papieren, von Büchern und Broschüren entdecken, in denen viel von Nachhaltigkeit die Rede ist, von der Zukunft des ländlichen Raumes und von regionalen Wirtschaftsstrukturen. Und sie würde, wenn sie denn hören könnte, in diesem Raum oft den Begriff der "neuen Sozial- und Bürgerkultur" vernehmen.

Anders gesagt, Landrat Löhner ist so etwas wie die schwarz-grüne Koalition in einer Person. Ein Mann ohne politische Berührungsängste und ideologische Blockaden. Offenherzig sagt er Sätze wie diesen: "Ministerin Künast macht gute Arbeit – die Frau hat begriffen, was unsere Landwirtschaft braucht." Im Gegensatz zum Bauernverband, wie er findet. Der protegiere nur die Agrarfabriken.

Auch der Kraftstoff kommt vom Acker

Ausrutscher sind solche Sätze nicht. Sie ziehen sich wie ein grüner Faden durch Löhners politische Weltsicht. Erst recht, wenn er von den erneuerbaren Energien spricht – dann stellt er mit seiner Solarbegeisterung sogar manch Grünen in den Schatten. "In den heimischen Energiequellen liegt die Zukunft des ländlichen Raumes", sagt er gern. Und deshalb fordert er von der Politik mehr Unterstützung für Sonne, Wind und Wasserkraft – und natürlich für die Biomasse. Mutig ist das deswegen, weil Löhners Landkreis tiefschwarz ist. Auf mehr als 69 Prozent kam die CSU im Kreis Neumarkt bei der jüngsten Bundestagswahl – das ist selbst in Bayern ungewöhnlich.

Trotzdem kann sich der Landrat seine eigene Meinung erlauben. Denn nicht Parteitaktik ist sein Metier, sondern Sachpolitik; stets getrieben vom großen Ziel, in einer globalisierten Welt regionale Wirtschaftsstrukturen zu sichern. Viel sei da zuletzt versäumt worden. "In den vergangenen 10 Jahren sind in Bayern so viele Höfe untergegangen wie in den 40 Jahren zuvor", sagt er.

Politshow ist ohnehin nicht seine Sache. Stattdessen umso mehr das, was er "systemisches Denken" nennt. Der gelernte Volkswirt und Jurist präsentiert sich im Gespräch als belesener Zeitgenosse, als pragmatischer Analytiker, als – wie er selbst sich sieht – "visionärer Fahnenträger".

Für ihn ist längst offenkundig, dass große Industrieanlagen nicht länger eine gesunde Ökonomie gewährleisten können. Dass die Wirtschaft vielmehr dezentrale Lösungen braucht. Und er fügt ein ums andere Mal hinzu: "Da gibt’s nichts Besseres als die erneuerbaren Energien." Denn mit denen bleibe das Geld in der Region – zum Wohle der heimischen Industrie wie auch der Landwirtschaft. Und natürlich der Umwelt.