Für Ernesto Navarro ist der Amerikanische Traum in Erfüllung gegangen. "Ich wollte ein berühmter Flamenco-Tänzer in Amerika werden", sagt er, zieht seine fleckigen Arbeitshandschuhe aus und streicht sich durch die grauen Locken. Farbtöpfe, Kisten voller Schrauben und rostige Motorenteile stapeln sich in seiner Werkstatt in Brooklyn-Williamsburg, der Geruch von Motorenöl liegt in der Luft, und mittendrin steht der Immigrant aus Kolumbien und schwärmt von der Neuen Welt. "Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, würde ich es sofort wieder tun", sagt er. "Amerika bietet die Freiheit, eine Sache anzupacken und jemand zu werden."

Okay, mit dem Flamenco ist es nichts geworden. Ernesto kam 1971 nach New York und schlug sich ein paar Jahre lang an Theatern durch. Doch sein Nebenjob als Wagenwäscher bei der Eisverkaufskette KoolMan warf beständig mehr Geld ab als seine Leidenschaft. Als die Familie wuchs, versuchte sich Ernesto erfolglos als technischer Zeichner, und schließlich lieh er sich Geld, um dem alternden KoolMan-Inhaber 1990 seine Eiswagen-Firma abzukaufen. "Als ich kam, waren es 22 Fahrzeuge, jetzt haben wir 45", erzählt Ernesto und führt stolz durch seine gewaltige Garage in Brooklyn: eine Flotte blitzblanker Verkaufswagen, weiß und grün gespritzt und liebevoll per Hand mit Flaggen, Heiligen und Eisbechern bemalt.

Ernesto Navarro ist Unternehmer geworden. Der oberste Eismann von Williamsburg/New York. Eine von einigen Millionen Erfolgsgeschichten amerikanischer Einwanderer.

"Einwanderung einschränken"

Doch die jüngste Generation von Immigranten findet in Amerika deutlich weniger gastfreundliche Bedingungen vor. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 und die Furcht vor weiteren Attacken hat den Zuwanderungsgegnern so viel Auftrieb gegeben wie selten zuvor. "Die Antwort kann nur sein, Einwanderung querbeet einzuschränken", fordert etwa Mark Krikorian vom Center for Immigration Studies in Washington. Rom Tencredo, Abgeordneter aus Colorado, will sogar Truppen an der Grenze zu Mexiko aufmarschieren lassen: Nur so könne man illegale Einwanderer stoppen, unter die sich – angeblich – hier und da auch Iraker mischten. Schließlich, sagt Tencredo, wisse man nicht, "was die hier vorhaben".

John Ashcroft, Justizminister im Kabinett des Präsidenten George W. Bush, hat die Terrorpanik seit dem 11. September bereits zielgerichtet dafür genutzt, den Zuzug und die Bewegungsfreiheit von Einwanderern erheblich einzuschränken. Programme und Gesetzesinitiativen mit so farbigen Namen wie Patrioten-Gesetz oder Operation Schild der Freiheit führen zu einem Visumstau in amerikanischen Konsulaten in Übersee und sorgen dafür, dass Tausende Einwanderer ohne Papiere außer Landes geschafft werden können. Das FBI etwa darf neuerdings selbst abschieben oder Abschiebungen als Drohmittel für Befragungen benutzen, Flüchtlinge aus vermeintlichen Terrorländern wandern gleich vom Ankunftsschalter auf den Flughäfen ins Gefängnis, Zuwanderer aus Ländern des Nahen Ostens müssen eine verschärfte Meldeprozedur durchlaufen. Das Personal an den Grenzstationen ist so aufgescheucht, dass nicht einmal mehr Wissenschaftler und Studenten ihrer Einreise sicher sein können.

Keine Frage: Die Zeiten haben sich geändert. Bis vor wenigen Jahren galten Einwanderer noch als Rückgrat der amerikanischen Gesellschaft und als Stütze des ökonomischen Booms. Damals wusste man: Neuankömmlinge sind überwiegend junge Männer voller Pläne und Unternehmergeist, willige Arbeitskräfte und wie der Eismann Ernesto Navarro entschlossen, es schnell zu Wohlstand zu bringen. Immigranten aus aller Welt sorgten bisher dafür, dass die Vereinigten Staaten eine der jüngsten Gesellschaften aller Industrienationen haben. Dazu übernehmen Zuwanderer viele Arbeiten, für die in Amerika die Kräfte fehlen. Nach Informationen des Center for Immigration Studies machen sie derzeit 35 Prozent aller Niedriglohnjobs. Pizzaverkäufer kommen aus Ecuador, Straßenkehrer aus der Ukraine, Zimmermädchen aus Bagdad. Aber auch der Dotcom- und High-Tech-Boom wäre ohne Zuwanderer nicht möglich gewesen: Ende der neunziger Jahre stammte schätzungsweise ein Viertel der IT-Fachkräfte aus Asien. Unternehmen wie Microsoft schickten damals Lobbyisten nach Washington, um für höhere Einwanderungsquoten zu trommeln.

Kein Wunder, dass Wirtschaftsforscher wie das Center for Labor Market Studies an der Northeastern University in Boston Zuwanderung für "eine der wesentlichen Voraussetzungen" der amerikanischen Wirtschaftskraft halten, und bis vor dem 11.September war in Washington sogar von einer Amnestie für illegale Einwanderer die Rede. Die wäre schätzungsweise acht Millionen Arbeitskräften zugute gekommen, die teilweise seit Jahrzehnten ohne gültige Papiere im Lande sind. Auch die Bush-Regierung liebäugelte mit dem Plan, zumindest für Illegale aus Mexiko, und die Einwanderungsbehörde INS stellte still den Großteil ihrer Razzien ein.