erbenFünf Millionen zu verschenken

Erbenermittler auf der Suche nach unbekannten Kindern und Enkeln von 

Von Georg Etscheit

Herrn Mosers Geschichte klingt wie ein Märchen. Ein Märchen von fünf Millionen Dollar, die einen Erben suchen. Es beginnt folgendermaßen: Es war einmal ein reicher Börsenmakler, der an der New Yorker Wallstreet ein Vermögen machte. Er starb hochbetagt, ohne bekannte Erben, ledig und kinderlos, im sonnigen Florida. Auch die Mutter des reichen Mannes war schon gestorben, als Herr Moser sich auf die Suche machte.

Gerhard Moser aus dem vornehmen Kurort Baden-Baden ist professioneller Erbenermittler. Sein Metier sind herrenlose Hinterlassenschaften, für die sich niemand zu interessieren scheint. Außer dem Staat vielleicht, der am Ende das bekommt, was niemand erben will oder kann. Und außer Herrn Moser, der ganz gut davon lebt, wenn er doch noch irgendwo auf der Welt einen oder mehrere Erben findet. Von einem Kollegen in den Vereinigten Staaten bekam Moser den Wink von dem Nachlass des Börsenmaklers und machte sich an die Arbeit.

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Vereinsamen im Alter

Moser kennt das Geschäft. Seine Familie betreibt es seit Generationen und war immer gut beschäftigt. Zuerst waren es mehrere Auswanderungswellen, die deutsche Familien auseinander rissen. Dann kamen Kriege und Vertreibung und die Teilung Deutschlands – wieder wurden Familien und Besitz getrennt und in alle Winde zerstreut. Heute ist es die Entwicklung zur Single-Gesellschaft, die den Ermittlern stetig neue Kunden zuführt. Das berichtet auch Klaus Amon, Prokurist der Hoerner Bank aus Heilbronn, eines großen deutschen Erbenermittlungsinstituts. "Die Leute leben immer mehr isoliert und vereinsamen im Alter", sagt er. "Das beflügelt unser Geschäft."

Zu erben gibt es viel in Deutschland. In diesem Jahrzehnt werden 15 Millionen Haushalte ein Vermögen von insgesamt rund zwei Billionen Euro erwerben. Mehr als ein Fünftel des gesamten privaten Vermögens der Bevölkerung geht in die Hände der nächsten Generation über. Nur: Die weiß davon manchmal gar nichts.

Das ist das Risiko bei der Erbenfahndung. Die Ermittler arbeiten ohne Auftrag. Sie werden von gerichtlichen Nachlasspflegern eingeschaltet, die bei ihren eigenen Nachforschungen nicht mehr weiter wissen. Oder sie stoßen im Bundesanzeiger auf eine öffentliche Aufforderung, die ihnen lukrativ erscheint. Oft kennen sie am Anfang nur den Wert der Erbschaft und den Namen des Erblassers – und machen sich auf die Suche. Wie Detektive wälzen sie Adressbücher, stöbern in Archiven, kontaktieren Standesämter und Kirchengemeinden oder befragen Ansprechpartner im Ausland, die vor Ort recherchieren. Oft gleicht ihre Arbeit der sprichwörtlichen Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Am Ziel sind sie jedoch erst, wenn sie einen oder mehrere Erben gefunden haben und wenn diese durch Urkunden auch beweisen können, tatsächlich berechtigt zu sein. Diese Stammbäume, die man für einen Erbschein benötigt, sind oft viele Seiten lang – ein Ergebnis oft jahrelanger, mühsamer und staubiger Recherche.

Die erste Spur im Fall des New Yorker Börsenmaklers führte Moser nach Bayern, wo der Mann geboren worden war. Unehelich, wie sich herausstellte – eine Schande im einst streng katholischen Bayern. Das war wohl der Grund dafür gewesen, dass die deutsche Mutter nach Amerika ausgewandert war, wo der Sohn später sein Glück gemacht hatte. Moser verfolgte zuerst die mütterliche Linie zurück bis 1880. Noch lebende Abkömmlinge von Verwandten der Mutter konnte er nicht finden. Dann widmete er sich dem Vater. Dessen Identität war zunächst unbekannt, weil sie aus der Geburtsurkunde des späteren Börsenmaklers nicht hervorging. Aus Erfahrung wusste Moser, wo er fündig werden könnte: Im Beichtregister des österreichischen Weilers, wo der Junge getauft worden war. Dort stieß Moser tatsächlich auf den Namen des Vaters. Die Mutter hatte damals ihren Fehltritt dem Pfarrer gebeichtet, der alles sorgsam notierte. Der uneheliche Erzeuger des New Yorker Erblassers war ein Offizier der k. u. k. Armee gewesen, der in Wien von ungarischen Eltern geboren worden war und dort weitere Geschwister gehabt hatte. Deren zum Teil noch lebende Abkömmlinge sollten schließlich in den Genuss des Millionenvermögens kommen.

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