Schon in den Tagen vor Kriegsbeginn blieben die Türen des Nationalmuseums in Bagdad offiziell geschlossen. Trotzdem suchte Generaldirektor George Donny in dieser Zeit das Gespräch mit Journalisten. Besucher empfing er zumeist in seinem im Verwaltungsflügel gelegenen, geräumigen Büro. Der beleibte Direktor mit Neigung zu europäischer Kleidung gilt weltweit als anerkannter Wissenschaftler, der unter Saddam Husseins Regime regelmäßig Ausreisegenehmigungen für internationale Konferenzen erhielt. Mitarbeiter erzählten früher bei Gelegenheit, dass ihr Chef dem Machthaber in Bagdad gegenüber Konzessionen machen müsste und dass er auch deshalb Mitglied der regierenden Baath-Partei wäre.

George Donnys Schilderungen, wie er den wichtigsten Kulturschatz der arabischen Welt retten wolle, glitten bei diesen Interviews dann allerdings schnell in heroische Übertreibungen ab. Gab er sich gerade noch als überzeugter Pazifist zu erkennen, bekräftigte er plötzlich seinen Plan, im Ernstfall aufzurüsten. Er sprach davon, sich und seine Mitarbeiter zu bewaffnen, um die kostbaren Schätze des Nationalmuseums gegen Angreifer zu schützen. Als amerikanische Panzer am 8. April in die Nähe des Nationalmuseums rollten, wurde es plötzlich still um George Donny, seine Mitstreiter und die geplanten Heldentaten. Die Männer hatten das Gelände eiligst verlassen.

Zwei Tage später bot das Nationalmuseum in Bagdad, das eines der wertvollsten und berühmtesten Museen der Welt ist, ein Bild der Verwüstung. Als die letzten Plünderer mit ihren Bollerwagen und Handkarren das Gebäude verließen, war dort nichts mehr zu holen. Auf dem Boden lagen die Scherben frühgeschichtlicher Keramik, umgestürzte Statuen mit abgeschlagenen Köpfen und das zersprungene Glas der zerstörten Vitrinen. Was nicht vernichtet wurde, das war verschwunden. Museumsangestellte sprechen von bis zu 170 000 Kunstwerken, die vermisst würden.

Der Museumsdirektor in Bagdad bezichtigt auswärtige Drahtzieher

In Räuberhände fielen unter anderem assyrische Bronzeplastiken und Gebetsstatuetten, sumerischer Goldschmuck, Begräbnismasken, Tontafeln und mit Juwelen besetzte Lyren. Ein einzigartiges kulturelles Erbe, Kunstwerke und Symbole von über siebentausend Jahren Zivilisationsgeschichte könnten binnen wenigen Tagen verloren gegangen sein.

Während sich Historiker, Archäologen und Orientalisten in grenzübergreifender Zusammenarbeit über verbliebene Inventarlisten beugen, um das ganze Ausmaß der größten kulturellen Katastrophe der Region seit der Zerstörung Bagdads durch die Mongolen im 13. Jahrhundert zu erfassen, muss sich das US-Militär vorwerfen lassen, mitverantwortlich an den Plünderungen des irakischen Nationalerbes zu sein. Seit ihrem Einmarsch in die Hauptstadt hätten Marines mit Panzern rund um die Uhr das Erdölministerium des Landes bewacht, aber niemanden zum Nationalmuseum geschickt. Begründung: "Wir haben keine Polizeiaufgaben." Dabei hätten doch "fünf Soldaten gereicht", stellt Nidal Amin, die stellvertretende Direktorin des Nationalmuseums, fest.

Die Räuber hatten also leichtes Spiel. Sie gingen ungehindert in das Gebäude hinein und anschließend wieder hinaus. Es waren Männer, Frauen und auch Kinder, die sich zuvor schon aus den Armensiedlungen der Stadt aufgemacht hatten, um öffentliche Gebäude wie Krankenhäuser zu plündern.

Mittlerweile machen in Bagdad aber auch andere Theorien über mögliche Täter die Runde. War es ein letzter Gewaltakt eines gestürzten Diktators, war es die letzte Tat von Besiegten, die den Eroberern verbrannte Erde hinterlassen wollten? Und ist es möglich, dass Kuwaitis die Hintermänner waren, weil sie sich auf diese Weise an Saddam Husseins Soldateska für die Plündereien in ihrer Heimat 1991 rächen wollten? Oder waren organisierte Banden am Werk, die sich bestens auskannten in den insgesamt 28 Galerien des Museums? Personen, die nichts zerstören wollten, die nicht in den Besitz sicherer Tauschware gelangen wollten, sondern in internationalem Auftrag handelten und den Kunstmarkt weltweit bedienen?