Auf den ersten Blick – das ist auch das Besondere am ersten Satz: Es kann Liebe sein. Der erste Satz ist einzigartig, so ist nie der zweite oder dritte oder einer der vielen Sätze, die dann kommen. Nicht einmal der letzte, zu dessen Zeitpunkt alles entschieden ist, hat dieses Besondere. Der erste Satz schlägt den Akkord an, und schon ahne ich, ahnt etwas in mir, ob es mich betrifft.

"Ein Dutzend Jahre waren vergangen, seit man mich nicht mehr ‚Die Kleine Bijou‘ nannte, und ich fand mich im Vorabendgedränge an der Metrostation Châtelet."

So beginnt es, und es ist Zeitraffer und Zoom zugleich: Damals, vor zwölf Jahren, war die Erzählerin noch ein Kind, und sie hatte einen Namen und war also wer; und nun ist sie eine von Tausenden in der Metro, irgendeine. Und dann doch wieder jemand: Denn kaum dass der erste Absatz zu Ende ist, da hat sie schon ein gelber Mantel auf jemanden aufmerksam gemacht, und als sie in das dazugehörige Gesicht schaut, denkt sie: Das ist meine Mutter, das muss sie sein. Aber hatte man ihr nicht immer gesagt, ihre Mutter sei bereits vor zwölf Jahren in Marokko gestorben?

Am Anfang war das Rätsel, und weil es für dieses Rätsel keine Lösung gab, wurde das Rätsel der Roman selbst. Die, die früher die Kleine Bijou genannt wurde, geht nun der Frau im gelben Mantel nach, um nicht zu sagen: Sie verfolgt sie. Aber das wieder so, dass man bisweilen das Gefühl hat, sie sei selber die Verfolgte, die von ihrem Schicksal Verfolgte, das sie so gern erkunden würde, aber dem sie davonläuft, während sie es sucht. Ihr ungelöstes Leben ist das Rätsel, für das die Vergangenheit vielleicht einen Schlüssel hat, wenn es denn überhaupt einen für das Leben und dessen Türen und Tore gibt.

Ganz dicht hinter dieser jungen Frau, die eigentlich Thérèse heißt, geht man durch den kleinen Roman, auf der Suche nach der fehlenden Mutter. Die war Tänzerin und hatte sich selbst einen schönen Namen gegeben, Comtesse Sonia O’Dauyé, so wie sie auch ihrer Tochter einen schönen Namen gegeben hat, viel mehr aber auch nicht. Man lebte im Hotel, das Kind im Pensionat, ein Onkel kümmerte sich gelegentlich. Und es gab einen Hund, einen schwarzen Pudel, den einzigen wirklichen Gesellen des Kindes, und als die Mutter eines Abends mit leerer Leine nach Hause kommt, verfolgt das Mädchen dieser Verlust. Später, als junge Frau, erwacht sie einmal aus einem Traum, und es bleibt nur ein grässlicher Satz im Bewusstsein, der im Roman in Großbuchstaben gedruckt ist: "La Boche musste getötet werden aus Rache für den Hund." La Boche aber war ein anderer, verräterischer Name für ihre Mutter, und ein dritter war Täusche-den-Tod. Solche Hinweise auf mögliche Kollaboration und deren Folgen zeigen, mit welchen Mitteln der Autor seinen Figuren Kontur und Aura gibt.

Deutlicher will Patrick Modiano nicht werden, aber daran ist nichts Geheimniskrämerisches, nicht einmal, wenn er zwei Strophen eines Gedichts einschiebt, und zwar auf Ungarisch und ohne Nennung des Autors (es ist Attila József, wie Péter Esterházy versichert, und es geht – was sonst? – um ein Kind, das nach der Mutter ruft); im Buch kommt es als Stimme aus dem Radio, "von Zeit zu Zeit überdeckt von Störungen". Modiano leiten Vorsicht und die Gewissheit, dass wir eben meist nicht viel Gewisses voneinander wissen, ja oft genug nicht einmal von uns selbst. So viel Behutsamkeit im Umgang mit ihren Figuren sind wir von unseren Autoren ja nicht gewöhnt. Patrick Modiano hingegen, darin ganz Schüler der Meister – und Meisterinnen – des nouveau roman, nimmt seine Puzzle-Stücke mit spitzem Finger und setzt sie so zusammen, wie ihre gegenseitige Anziehung es will, mehr nach den Gesetzen des Magnetismus als nach den Regeln der richtigen Passform.

Thérèse, die einmal die Kleine Bijou war, verdient sich ihr weniges Geld zwischendurch als Betreuerin eines kleinen Mädchens in einem Haus am Bois de Boulogne, und die Ähnlichkeiten zu ihrer eigenen Kindheit sind unübersehbar. Mit solchen Parallelen und Engführungen suggeriert Modiano die Möglichkeit von Erkenntnis, die Möglichkeit, mehr nicht. Ein junger Mann, den sie kennen gelernt hat, sagt Thérèse eines Abends im Lauf einer zögerlichen Unterhaltung über ihr Leben: "Wenn wir einmal einen Fixpunkt gefunden haben, wird alles besser, nicht wahr?" Und weil man schon weiß, dass dieser Fixpunkt nie gefunden werden wird, setzt man statt seiner andere Wörter ein: die Liebe vielleicht. Die Vergangenheit. Vielleicht aber auch: die Mutter.

Ein Rätsel ist der Roman, aber er ist auch eine Keksdose, eine Metallschachtel, die Thérèse seit den Tagen der Kleinen Bijou aufgehoben hat: Ein paar Fotos und ein paar Papiere sind darin, die eigentlich alles sind, was sie von ihrer Mutter noch hat. Wenn sie sie anschaut, öffnet sich ein Fenster in ihre Kindheit, als sie jemand war, an die sie sich heute erinnern kann: die Kleine Bijou.

Dieses Buch hat Peter Handke übersetzt. Woran man das merkt? Daran, dass man es nicht merkt. Handkes Übersetzung bleibt wunderbar unauffällig, ist im besten Sinne dienstbarer Geist. So bleibt das Buch, was es nicht zuletzt auch ist: eine ganz und gar undeutsche Literatur, leicht, schwebend, mit sich selbst beschäftigt und sehr kunstvoll. Das pralle Leben besorgt man sich am besten am Wochenende. Die Kunst hingegen findet man in Büchern wie diesem.