Die Ukraine? Das war ein schlecht beleuchteter Bahnhof auf dem Weg nach Moskau. Das war eine Gedichtzeile von Paul Celan, es fällt nun, Mutter, Schnee in der Ukraine . Das waren Krieg, Massenmord, Ausrottung, Ödnis, Armut und endlose Trabantenstädte, durch die geknechtete Arbeiter und Bauern im Morgengrauen mit Thermoskannen in den Kunststofftaschen zur Arbeit schlurften.

Im wirklichen Leben begegnete mir die Ukraine zum ersten Mal in einer winzigen Zweizimmerwohnung im sowjetischen Plattenbau in Lemberg. Das Baby der jungen ukrainischen Familie, die hier wohnt, schlief im Schlafzimmer, im Wohnzimmer lebt die Großmutter. Also saßen wir in der Küche, zusammen mit Joseph Roth, sprachen über Galizien und seine weltverlorene Einsamkeit und löffelten Borschtsch. Ich war am anderen Ende der westlichen Welt und an ihrem Anfang.

Mit dem Kaffee kamen die letzten Tage der Monarchie auf den Tisch. Damals gehörte Lemberg noch zum Westen. Jeder, der schon einmal ein Buch von Joseph Roth in den Händen hatte, weiß, dass die Züge, ein paar Kriege ist es her, von Wien und von Paris nach Lemberg und weiter nach Osten fuhren, in das Land, "über das bereits der große Atem des feindlichen Zarenreichs strich" und wo weiland jeder Stationsvorsteher den kaiserlich-königlichen Backenbart zum Zeichen dafür trug, dass die Welt in dieser Gegend noch nicht zu Ende sei. Man kann auch sagen: Sie hat in dieser Gegend bis heute noch nicht richtig begonnen. Und das ist nur eine kleine Übertreibung.

Wenige kommen hier vorbei. Abgeschnitten von Haupteuropa durch den zarten Vorhang der Visumspflicht, versinkt das alte Galizien in der Steppe hinter der polnischen Grenze in seinen postsowjetischen Albträumen, verschläft das jahrhundertealte, vom Westen noch nicht wach geküsste Lemberg die neue Zeit. Nach Kiew ist es eine Zugreise durch die Nacht, ein Flugzeug aus Frankfurt landet zweimal in der Woche. Auf Touristen trifft man in dieser Jahreszeit seltener als in jedem balinesischen Bergdorf. Die Stadt, traumverloren wie Venedig, nachdenklich und in sich gekehrt wie Prag, ist sich selbst überlassen. Der amerikanische Romanautor Jonathan Safran Foer, der nach einer einwöchigen Rundreise in der Ukraine einen Roman über diese Gegend und ihre Geschichte geschrieben hat, vergleicht Lemberg mit Kansas City. Das halten viele, die nie in Lemberg waren, für einen genialen Kunstgriff, obwohl der Vergleich so viel taugt wie der zwischen Schloss Sanssouci und der Kreissparkasse Hameln.

Früher, als Balzac auf der Durchreise zu seiner polnischen Gräfin in Lemberg noch im Hotel George nächtigte, hieß Lemberg "Klein Wien" und war voll gestellt mit Franz-Joseph-Denkmälern. Darauf wurde es polnisch, hieß Lwow und war voll gestellt mit Mickiewicz-Denkmälern, die bald von Lenin-Denkmälern vertrieben wurden. Für Hitler-Denkmäler blieb den Deutschen keine Zeit. Die Sowjets, die die Stadt nach dem Krieg für ein halbes Jahrhundert einkerkerten, sind verschwunden. Doch noch immer erzählen sinnlose Kontrollrituale, ungezählte Pelzmützen und nachttopfgroße Militärkappen über verschreckten Soldatengesichtern von ihrer Hinterlassenschaft. Unverkennbar befindet man sich auf der russischen Seite der Welt, auf die ein Scherzbold habsburgische Kulissen geschoben hat.

Es sind viele Zeitschichten, die in Lemberg unter der abblätternden Oberfläche hervorschimmern. Noch vor zwei Generationen wurde in den Gassen der Lemberger Altstadt Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Armenisch, Polnisch, Russisch und Ukrainisch gesprochen. An den Fassaden erkennt man polnische Inschriften und in manchen Gesichtern ganze Generationen russischer Bauern. Im Hotel George, mehr Opernhaus als Hotel, in dem sich die meterhohen roten Samtvorhänge wie zum Schlussapplaus abends vor den Fenstern schließen, hat die Jahrhundertwende nicht aufgehört. Die Empfangshalle, wo der Portier in einem abgeschabten sowjetischen Sessel dicke Romane liest und niemand von dem dürftigen Galanteriewarenangebot des neonbeleuchteten Hotelkiosks Gebrauch macht, verströmt den sachlichen Charme der Breschnew-Zeit. Die Altstadt lebt in den Kindertagen des Westens. Kaum ein Auto parkt auf den Straßen, marode Wagen rumpeln über Kopfsteinpflaster, Straßenbahnen quietschen um die Ecke, Bürgersteige werden mit Reisigbesen gekehrt, Äpfel vor dem Kauf gekostet. Ungläubig betrachtet der Besucher die Schweine, die auf dem Markt zerhackt werden, und denkt darüber nach, dass alte Frauen nicht schon immer beige Freizeitjacken und Dauerwelle, sondern in einer lange versunkenen, vor dem Ausbruch des westlichen Jugendwahns liegenden Zeit weite dunkle Röcke und Kopftücher trugen.

Dies ist das alte Europa, angeschlagen von der sowjetischen Gefangenschaft, unberührt von Glanz und Elend der Amerikanisierung. Eine Woche lang ist mir das Abendland nur als Hugo-Boss-Tüte auf den Märkten der fliegenden Händler in Lemberg und Czernowitz begegnet. Abgesehen von einem Herrn im Flugzeug, der sich davon überzeugt zeigte, dass die Westukraine eine Goldgrube für den Autobusverkauf darstelle, und auch nicht eingerechnet die Aussichten, die sich durch den Bau einer Nürnberger Kabelfabrik für die Region ergeben, existiert Westeuropa hier vor allem als Missverständnis im blondierten Haarschopf junger Geschäftsfrauen und als Vision in den Köpfen junger ukrainischer Intellektueller.

Wer sonst hierher kommt, sind Polen, die Strumpfhosen aus China und Bratpfannen aus Taiwan mitbringen, Bildungsreisende, die abends in der Blauen Flasche, dem besten Hinterhoflokal unweit des Marktplatzes, verschwörerisch die Köpfe zusammenstecken, und Juden, die ihre Toten suchen. Die Stadtführungen durch das verschwundene jüdische Lemberg macht der 82-jährige Boris Dorfman in jiddischer Sprache. Sechshundert Jahre lang lebten in Lemberg Juden, Jidden haben hier gebaut die Häuser.