NachrufGewehr im Kopf

Zum Tod der großen Pianistin und Sängerin Nina Simone von Konrad Heidkamp

Eines jener berühmt-berüchtigten Konzerte war glücklich zu Ende gegangen, einer jener Drahtseilakte zwischen Abbruch, der Forderung nach mehr Gage und jenem zündenden Funken, der selbst eine deutsche Konzertbühne 1988 fern des Mississippi erleuchten konnte. Doch verantwortlich waren nicht die Launen einer Diva, es war ihr Selbstverständnis als schwarze Künstlerin, als klassische Pianistin, die nicht in verräucherten Hallen erscheinen möchte, es war – noch grundsätzlicher – ihr Abscheu vor dem eigenen Erfolg: "Ich hasste es, wie leicht die meisten Menschen mit stumpfsinnigen Melodien zufrieden zu stellen waren."

Nina Simone blieb eine Zerrissene: zwischen Schwarz und Weiß, zwischen der klassischen und der populären Musik, zwischen einer Mutter, die ihrer Tochter ständig den Teufel an die Wand malte, und einem geliebten, aber schwachen Vater. Am 21. Februar 1933 wurde Eunice als fünftes Kind der Waymons geboren, in Tryon, einer Kleinstadt in North Carolina, wo sie trotz Rassentrennung bei der weißen Mrs Massinovitch Klavierstunden bekam, einer Gönnerin, die für das Aschenputtel einen Eunice-Waymon-Fonds einrichtete, um dem begabten Mädchen eine Karriere als erste schwarze klassische Pianistin zu ermöglichen. "Es war Bach, der mich dazu brachte, mein Leben der Musik zu widmen", heißt es in der offenen, rührenden und manchmal peinlichen Autobiografie Meine schwarze Seele. In den Erweckungsgottesdiensten der Methodisten spürt sie die Erwartung, die Gemeinde in Verzückung zu versetzen, im Konzertsaal führt sie die technische Perfektion vor, in die man investiert hatte. Diese Schizophrenie wird sie immer in sich tragen.

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Als das Curtis Institute in Philadelphia sie als Pianistin ablehnt, zerbricht die Welt von Eunice Waymon, sie sieht sich als Opfer der Rassendiskriminierung. Sie versucht es noch einmal auf eigene Faust, gibt Klavierstunden und Gesangsunterricht für pickelige weiße Teenager, die gerne wie Frank Sinatra singen möchten, und lernt selbst dabei: Standards, Musicalmelodien oder Filmsongs, jenen Stoff, mit dem sie schließlich berühmt wird. Als sie hört, dass man in den Bars in Atlantic City 90 Dollar die Woche zahlt, verpflichtet sie sich für den Sommer als Barpianistin. Zu Bach wird sie nie zurückkehren.

Sie nennt sich Nina Simone, um ihrer Mutter die Schande zu ersparen, dass ihre Tochter Musik für die sündige Welt spielt, sie sitzt im langen, geschlossenen Kleid über die Tasten des Flügels gebeugt, rezitiert Musikgeschichte und vergrault das alte Stammpublikum. Der Besitzer stellt sie vor die Alternative zu singen oder zu gehen – und sie singt. Es entsteht jene unverwechselbare Mischung aus klassischer Pianobegleitung, Blues, impressionistischem Schmelz und schwarzer Ekstase, die keine Schule, keine Mode begründet, da sie einmalig ist – keine Schublade, kein Vergleich. Lange fand man sie weder in einem Rock- noch in einem Jazzlexikon.

Es mag die größte Ironie ihrer Karriere gewesen sein, dass sie 1987 mit einem Song im Bewusstsein des Hitparadenpublikums auftauchte, den sie 1957, bei ihren ersten Plattenaufnahmen für die kleine Firma Bethlehem, eher als Nebenprodukt empfand: My Baby Just Cares For Me, als Werbejingle für Chanel. Ihr Erfolg wurde zugleich zum Abbild des Albtraums ihrer Beziehung zu Plattenfirmen, Agenten und Verträgen. Von den Verkaufserlösen bekommt sie nur die Brosamen, ihre Platten schwanken zwischen Genialem und im Streicherklang Ersoffenem, die Scherben sind in jeder CD-Abteilung in unzähligen Zusammenstellungen zu besichtigen.

Mit dem Protestsong Mississippi Goddam stieg sie 1964 zur musikalischen Leitfigur der schwarzen Bürgerrechtsbewegung auf, und es waren nur ihre Songs, die sie davon abhielten, 1966 nach dem Bombenattentat auf die Kinder in der Kirche in Birmingham zum Gewehr zu greifen. Sie wird diesen Schmerz und ihre Verbitterung ihr Leben lang nicht verlieren: "Es ist Zeit für ein wenig Gerechtigkeit nach dem Alten Testament." Ihr eigenes, privates Leben zerbricht dabei Stück um Stück. Sie flieht aus ihren Ehen, sucht ihre Bestimmung in Afrika, unternimmt Europatourneen, die sie ihrem politischen Kampf in den USA entfremden, verfällt dem Alkohol und den Drogen – denen sie nie ganz entkommen wird – und zieht sich mehr und mehr aus dem Rattenrennen zurück.

Am Ende ist es Frankreich, wo sie sich in einer Villa verbirgt, das Gewehr im Anschlag, um auf unerwünschte Besucher zu schießen. Sie wird zur Exilantin, zur Überlebenden per Zufall, einer Künstlerin, die ihr wahres Publikum, ihr eigenes Volk verloren hatte. Es war die einzige Entschuldigung, die sie für den Verrat an der geliebten, klassischen Musik gelten ließ: Lieder zum Befreiungskampf ihres Volkes.

"Wenn mein Volk sich wieder versteckt, dann werde ich wohl wieder Liebeslieder singen", sagt sie 1970 und geht damit in die Geschichte ein, ob es I Loves You, Porgy oder Don’t Smoke In Bed, Trouble In Mind oder Blacklash Blues ist. Wer sie in den 90er Jahren sah, der konnte in ihrer gebrochenen Stimme hören, wie sie ihre Vergangenheit einschloss: die Kirche von North Carolina, die Fugen von Bach, die Popsongs und Jazzstandards, die Protestlieder und ihr altes Afrika. Und noch immer hatte sie ihr Gewehr im Kopf, ihre Sehnsucht nach Liebe, ihren Traum von Gerechtigkeit. Jetzt, da sie am 21. April in Südfrankreich starb, ist es Zeit, ihr Leben endlich als klassische Oper zu inszenieren.

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  • Schlagworte Nina Simone | Chanel | Albtraum | Blues | Frank Sinatra | Pianist
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