Andere wären entsetzt, stellte man ihnen Sperrmüll ins Büro. Nicht Anke te Heesen. Zärtlich blickt sie auf die Berge vergilbten Papiers. In Umzugskartons und alten Plastiktüten stapeln sich braune Kuverts, prall gefüllt mit Zeitungsausschnitten. "Man fand sie in Leipzig am Straßenrand", erzählt sie. "Der Künstler Jan Bauer nahm sie mit, ohne zu wissen, wozu. Ihm tat es leid um die Lebenszeit, die in den abertausend sorgsam ausgeschnittenen Artikeln steckte." Hätte er nicht zufällig von Anke te Heesen erfahren, hockten längst die Mäuse in seinem Keller in einem Nest aus Zeitungsfetzen.

So aber landete der Fund im fünften Stock des Berliner Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte. Ein bizarrer Ort: Enge Fahrstühle, die gerne zwischen den Stockwerken halten, klaustrophobische Gänge mit Nussbaumfurnier an den Wänden, und auf den Toiletten warnen Schilder vor Stromschlägen: "POZOR – ELEKTRICKÉ ZARˇÍZENÍ!" Die Räume beherbergten einst die Botschaft der ∏SSR, heute betreibt man hier die Archäologie der Wissensgesellschaft. Kein leichter Job, blickt man auf den Haufen Altpapier.

"Das ist das Obsessivste, was mir in meinem Leben begegnet ist", sagt Anke te Heesen. Die Wissenschaftshistorikerin ist Expertin für Zeitungsausschnittsammlungen, vermutlich die einzige weltweit. Den ersten Kontakt mit solch kuriosen Kollektionen hatte die 1965 am Niederrhein geborene Forscherin, die auch Kunst und Kulturpädagogik studierte, vor vier Jahren. Damals betreute sie für eine Ausstellung des Dresdner Hygienemuseums die Abteilung Der inventarisierte Mensch. Da kamen ihr 18 Karteikästen in die Finger, voll gestopft mit Zeitungsausschnitten – lauter Artikel, die dem beühmten Arzt Rudolf Virchow gewidmet waren.

Vorform des "Bravo"-Starschnitts

Der Leipziger Fund ist schwer einzuordnen. Da gibt es Kuverts mit Artikeln über Chamäleons und Schweinemast, über Medizin, den Nordpol und solche mit kompletten Fortsetzungsromanen. Alles akkurat sortiert, mit veilchenblauem Tonpapier unterteilt. Es riecht modrig. "Wenn ich das durchsehe, habe ich abends geschwollene Augen und juckende Finger", sagt te Heesen und kann doch nicht umhin, ihr Lieblingsstück vorzuführen: die Wetterberichte des Jahres 1931, alle fein säuberlich übereinander geklebt. Jeden Tag hat jemand zu Schere und Kleister gegriffen, um das immer gleiche Ritual zu vollziehen: ein Job für Sisyphos in Altersteilzeit.

Hat man an einem Max-Planck-Institut nichts Besseres zu tun, als darüber zu grübeln, warum ein Zeitungs-Junkie die Nachricht aufhob, dass der 13. April Hagel bringen sollte, der nächste Tag aber strahlenden Sonnenschein? Anke te Heesen grinst. Das hört sie nicht zum ersten Mal. "Als ich einen Vortrag über Virchows Zeitungsausschnittsammlung hielt, verriet mir eine Archivarin, alte Zeitungen werfe sie immer gleich fort. Schon die Nachlässe nähmen doch genug Platz weg." Ein anderer Herr meinte, er hätte wohl die Artikel mit Marginalien von Virchows eigener Hand behalten. Aber doch nicht gleich alle 1500!

"Virchow selbst interessiert mich aber gar nicht", sagt te Heesen. Ihr Fokus ist vielmehr auf die alltägliche Praxis der Forschung gerichtet. Denn Virchow machte, "was man als Wissenschaftler in den Jahrzehnten um 1900 eben tat: Zeitungsausschnitte sammeln, und zwar exzessiv." Deshalb sind die Sammlungen als Quellen wertvoll. Sie bezeugen den neuen Stellenwert der Öffentlichkeit für die Wissenschaft – und umgekehrt. "Gewissermaßen sind sie die Vorform des Bravo- Starschnitts von heute."

Anke te Heesen zieht eine Kladde aus dem Regal und zeigt Seiten voller Artikel über Albert Einstein. Auch das Starkult? Dafür sind zu viele bösartige Karikaturen darunter. Bernard Shaw spricht: "Sag’ mal, Einsteinchen, verstehst du wirklich, was du sagst?" Einstein: "Nee, du etwa, Bernardchen?" Die Dokumente gehören zum Nachlass des Berliner Physikers Ernst Gehrke. "Für den war Einsteins Werk nur ein Medien-Hype", sagt te Heesen. 5000 Papierschnipsel dienten ihm als Beweismaterial für sein eigenes Buch: Die Massensuggestion der Relativitätstheorie.