die zeit: Sie haben den Irak-Krieg als "mikromilitärisches Theater" bezeichnet. Hat sich der Einsatz nicht gelohnt?

Emmanuel Todd: Weil ich kein Moralist, sondern Historiker bin, muss ich fragen, wie sich das bereits geschwächte Regime Saddams in seiner letzten Entwicklungsphase verhalten hätte. Es hätte sich wie die totalitäre Sowjetunion binnen kurzem auflösen können. Von dem Zeitpunkt an, als das Regime dem internationalen Druck zur Entwaffnung nachgab, schien ein Regimewechsel möglich, der weitaus weniger Opfer als dieser Krieg gekostet hätte. Der Krieg hat den Wechsel nicht beschleunigt, weil es jetzt zwar kein Regime mehr gibt, aber auch keine Ordnung. Die Bewältigung der Kriegsfolgen wird Jahre dauern.

zeit: Sie haben vor 25 Jahren den Untergang der Sowjetunion vorausgesagt. Jetzt sprechen Sie vom Niedergang der USA, die doch gerade den Irak-Krieg gewonnen haben. Wie kommen Sie dazu?

Todd: Der Krieg gegen den Irak war eine militärische Illusion, eine gigantische Verschwendung jenseits aller Verhältnismäßigkeit der Mittel. Die USA haben über ein weitgehend entwaffnetes und ausgeblutetes Land mit einer Barfuß-Armee innerhalb einer geschwächten Region gesiegt. Dagegen sind die wahren Gegengewichte zu den USA in Europa, Russland, China oder Japan zu suchen. Im Irak haben die USA ihre militärische Omnipotenz demonstriert, um über ihre ökonomische Schwäche hinwegzutäuschen. Die wahre Konkurrenz wird nicht mehr militärisch ausgetragen. Das zentrale Schlachtfeld und der Hauptgrund für die amerikanischen Sorgen ist der wirtschaftliche Bereich.

zeit: Ist das nicht reines Wunschdenken eines Amerika-Skeptikers?

Todd: Ich liebe die USA eigentlich sehr. Sie waren bis vor kurzem der wichtigste internationale Ordnungsfaktor. Jetzt werden sie zu einem Faktor der Unsicherheit. Der industrielle Kern der USA ist gefährdet. Das Handelsdefizit der Amerikaner beträgt 500 Milliarden Dollar im Jahr. Das Land braucht 1,5 Milliarden Dollar täglich an ausländischem Kapitalzufluss. Diese Abhängigkeit hat die USA aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie können nicht mehr aus eigener Kraft leben. Das exportstarke Europa kann das sehr wohl. Und Russland entwickelt gerade einen Kapitalismus im eigenen Land, zu dem es auch die natürlichen Ressourcen besitzt.