Joseph Beuys soll einmal gesagt haben: Die Grünen sind die größte Partei der Welt – aber die meisten Mitglieder sind Tiere. Bei den Roten verhält es sich anders: Die meisten Deutschen sind Sozialdemokraten – aber die wenigsten sind in der SPD.

In uns allen steckt ein Sozi, einer, der all die hektischen Veränderungen der letzten Zeit ablehnt, der in seligen BRD-Jahrzehnten erworbene Privilegien und Sicherheiten nicht preisgeben möchte. Schließlich kämpfen die Deutschen seit fast zwanzig Jahren gegen Deregulierung, Neoliberalismus und Sozialabbau. Und zwar mit großem Erfolg. Ob Helmut Kohl oder Gerhard Schröder – abgestraft wurde bei Wahlen jeder, der es unternahm, die gewohnte soziale oder steuerliche Ordnung zu stören. Die SPD ist nicht der obskure Verein, als der sie zurzeit, mit Vorliebe von rot-grünen Regierungsmitgliedern, dargestellt wird. Die SPD ist weniger die Partei der Schwachen als die Partei unserer Schwächen.

Dennoch sind die Bürger außerhalb der SPD schon weiter als die innerhalb. Die Flut von schlechten Daten in Wirtschaft, Haushalt und Bildung sowie die guten Argumente der Reformer aller Parteien haben die Mehrheit willig gemacht hinzunehmen, was der Kanzler Agenda 2010 nennt, ein Bündel unausweichlicher Sozialkürzungen. Ausgerechnet in dem Moment jedoch, da der Deutsche den Sozialdemokraten in sich bezähmt, tritt der Sozialdemokrat an sich aus der Kulisse – und erhebt Einspruch.

Nun wäre es leicht, sich über die SPD-Basis lustig zu machen. Über Triple-S etwa, wie Sigrid Skarpelis-Sperk von Spöttern aus dem Kanzlerumfeld genannt wird, jene unscheinbare Hinterbänklerin aus Bayern, die plötzlich den Kanzler bei seiner Reform-Agenda stört. Doch sind die zwölf Oppositionellen kaum der Grund für den Aufruhr an der Basis, sondern sein Ausdruck.

Alles oder nichts, friss oder stirb!

Was aber ist in die Basis gefahren, die doch gefälligst zufrieden sein sollte, solange ein Genosse regiert und damit das noch Schlimmere verhindert, also das, was die Schwarzen und die – Bebel-sei-bei-uns! – Gelben machen würden, wenn sie könnten? Liegt es an dem, was der Kanzler konkret vorhat, an der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe oder an der minimalen Lockerung des Kündigungsschutzes? Ja und nein. Die Agenda ist beides zugleich: noch hektisches Rumkürzen, schon der Anfang von etwas Neuem.

Eigentlich hätten die Genossen auch diese Kröten noch schlucken können, und genau das hatten ihre Anführer ja auch erwartet. Aber dann verband sich mit einem Mal die Agenda 2010 nicht mit jenen Fragen, die der Kanzler gern stellt – er oder ich, alles oder nichts, friss oder stirb –, sondern mit viel gefährlicheren: Was ist an unserer Politik noch sozialdemokratisch? Die Sinnlücke tritt offen zutage. Und dahinter steht die Frage, die alle angeht: Was ist heute soziale Gerechtigkeit?

Nähern wir uns also der SPD-Seele, lesen wir ein internes Papier. Das von Michael Müller, Linker, Mittfünfziger, stellvertretender Fraktionschef, klug, fleißig und sympathisch, ein Genosse im besten Sinne. Er hat eine elfseitige Papierbrücke gebaut zwischen Triple-S und Gerhard S. Darin nimmt Müller von der Agenda 2010 einiges zurück, weniges. Zwischen den Zeilen aber verrät er dabei vieles über den großen Frust der SPD. Ein typischer Satz aus seinem Skript: "Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem beruht wesentlich auf einer Struktur, die sehr stark technologisch begründet ist." Was bedeutet dieser Satz? Er bedeutet, dass unsere Wirtschaft auf Technik beruht, eine Banalität. Warum sagt Müller ihn dann, warum so? Er erinnert daran, dass es in der SPD mal eine tolle Zeit gab, in der man nächtelang theoretisch die Gesellschaft verändert hat. Diese Debatten laufen jetzt nach, leer, nostalgisch.